Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 43 (sequence 4)
- Language
- German
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Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland gibt es auf der Erde. Die Farben verlieren sich ineinander; die Bildungen dienen dem genetischen Charakter; und im Ganzen wird zuletzt alles nur Schattierung eines und desselben großen Gemäldes, das sich durch alle Räume und Zeiten der Erde verbreitet." Dieser „Völkergedanke" Herders fand aber in der Wissenschaft der Folgezeit keinen Anklang; erst in unseren Tagen hat ihn A. Bastian wieder aufgenommen und darin, nicht in der Rassenspezialisierung, eine der Hauptaufgaben der Ethnologie erkannt. Auch W. v. Humboldt betont den Gedanken der allumfassenden Humanität, die keinen Unterschied der Rasse kennt. So sagt er8): „Wenn es eine Idee gibt, die durch die ganze Geschichte hindurch in einer mehr und mehr erweiterten Geltung sichtbar ist, wenn irgendeine die vielfach bestrittene, aber noch vielfacher mißverstandene Vervollkommnung des ganzen Geschlechts beweist, so ist es die der Menschlichkeit, das Bestreben, die Grenzen, welche Vorurteile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen stellen, aufzuheben und die gesamte Menschlichkeit, ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe als einen großen, nahe verbrüderten Stamm, ein zur Erreichung eines Zweckes, der freien Entwicklung innerlicher Kraft bestehendes Ganze zu behandeln." Doch das sind letzte Nachklänge einer versinkenden Epoche. Wie im politischen Leben die Ideale der französischen Revolution infolge der Reaktion auf Jahrzehnte hinaus in den Hintergrund traten, so ging auch in der wissenschaftlichen Einstellung der Gelehrten und der gebildeten Schichten ein Wandel vor sich. Der Humanitätsgedanke erlosch und an seine Stelle trat ein überspannter Nationalismus, der in Deutschland als Gegenwirkung gegen die jahrzehntelange Unterdrückung durch die Franzosen besonders stark in die Erscheinung trat. Er erhielt von mehreren Seiten aus seine Nahrung. Neben den kriegerischen Erfolgen in den Freiheitskämpfen war es besonders die Wiedererweckung des deutschen Altertums durch die Romantiker und die Gelehrten, wie die Brüder Grimm, Uhland, usw., die dem deutschen Nationalgefühl mächtige Impulse gab. Auch die schon erwähnte, neuerstandene Sprachwissenschaft wirkte, obwohl ungewollt, schließlich in derselben Richtung. Als die heilige Sprache der Inder, das Sanskrit, den europäischen Gelehrten bekannt geworden war, tauchte bald die Erkenntnis auf, daß sie mit dem Persischen, Griechischen, Lateinischen, Deutschen, Slavischen usw. verwandt sei. Anfangs hielt man, noch im Banne biblischer Traditionen, das Indische für die Mutter aller genannten Sprachen, und Fr. Schlegel nannte die ganze Gruppe daher nach einem uralten Namen der Inder und Perser (Arier) aus ihrer gemeinsam durchlebten Periode: „arische Sprachen". Wir wissen längst, daß diese Theorie irrig war und das Indische nur ein Zweig der genannten Sprachfamilie wie alle anderen „indogermanischen" Sprachen ist. Aber s) Über die Kawisprache auf der Insel Java, Berlin 1S36—1840, Bd. III, S. 426. 43