Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 42 (sequence 3)
- Language
- German
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Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland form in der populären „Rassenkunde des deutschen Volkes" durch Hans F. K. Günther ist ein Rückschlag verständlich und heilsam. Die folgenden Ausführungen setzen sich zur Aufgabe, die fernen Wurzeln des heutigen Rassenantisemitismus zu zeigen, der nicht mit einem Mal, wie Athene aus dem Haupte des Zeus, dem Kopf des genial veranlagten Verherrlichers des Germanentums, Houston Stewart Chamberiain, entsprungen ist. Er hat viele Vorläufer gehabt, sein Werk ruht auf ihren Schultern und die durch ihn auf die Spitze getriebene Germanenverherrlichung hat sich aus kleinen Anfängen heraus langsam entwickelt. Es ist bekannt, daß sich Chamberlain nicht allein auf die Ergebnisse der Rassenforschung stützt, sondern seine Theorien vom weltumfassenden Germanentum durch dessen angebliche arische Herkunft verstärkt. Auch dieser Gedanke ist ein Kind des letzten Jahrhunderts, das ein mächtiges Aufblühen der Sprachwissenschaft zu seinen Ruhmestaten rechnen kann. Freilich sind ihre Begründer, Friedrich Schlegel und die beiden Humboldts, nicht verantwortlich zu machen für die Mißgriffe ihrer Nachfolger oder richtiger deren dilettantischen Mitläufer. In der Zeit der Begründung der modernen Sprachforschung lag die heute weit verbreitete Überschätzung europäischer Rasseneigentümlichkeiten den Gelehrten noch ganz fern. Sie pflegten noch die idealistischen und universalistischen Traditionen ihrer Jugend, kannten nur die einheitliche Menschheit, deren Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Wahlspruch auf die Fahne der französischen Revolution gesetzt wurde. Deshalb konnten sie die neue Lehre von der Verschiedenheit der Rassen nicht anerkennen. Herder z. B. leugnet, daß die Rassen eine Verschiedenheit der Abstammung beim Menschen bedingen 6: „Nur ein und dieselbe Gattung ist das Menschengeschlecht auf der Erde". Das Wort Rasse in der Anwendung auf den Menschen findet er überhaupt unedel. Er wollte von einer anderen Gliederung unseres Geschlechts als in Völker nichts wissen. „So haben einige (Forscher) zum Beispiel vier oder fünf Abteilungen desselben, die ursprünglich nach Gegenden oder gar nach Farben gemacht waren, Rassen zu nennen gewagt; ich sehe aber keine Ursache zu dieser Benennung. Rasse leitet auf eine Verschiedenheit der Abstammung, die hier entweder gar nicht stattfindet7) oder in jedem dieser Weltstriche, unter jeder dieser Farben die verschiedensten Rassen begreift. Denn jedes Volk ist Volk, es hat seine Nationalbildung wie seine Sprache . . . Kurz, weder vier noch fünf Rassen noch ausschließende Varietäten 6) Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Buch VII, 1. Herder versteht stellenweise übrigens unter Rasse etwa das, was Fr. Weidenreich jüngst wieder als „Konstitutionstypus" aufgenommen hat, der weitere Verbreitung als die Rassen habe (Rassen und Körperbau 1927). — Herders Kosmopolitismus hinderte ihn freilich nicht, die hervorragenden Eigenschaften der germanischen Völker zu preisen und ihre Zukunft in leuchtenden Farben zu malen. über die Juden hat er sich nicht immer wohlwollend geäußert (s. diese Zeitschrift 1,223). 7) Natürlich vom Standpunkt des bibelgläubigen Christen aus. In Wahrheit ist die Frage der Monogenese oder Polygenese des Menschengeschlechts noch ungeklärt. 42