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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. Seite 41

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
Date
1930-04-01
Page
Seite 41 (sequence 2)
Language
German
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Siegmund Feist. Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland geistigen Leben in Deutschland teilgenommen hatten, daß früher auch deutsche Juden das deutsche Heldenlied gepflegt und es als kostbaren Besitz mit sich genommen hatten, als sie die Heimat verließen oder verlassen mußten, ihre deutsche Kultur nach dem Osten trugen und — wenn auch oft in entstellter Form — bewahrten. Es war nicht mehr in Erinnerung, daß die stammesechten Deutschen dies nicht taten, sondern nach einigen Generationen sprachlich und kulturell im Slaventum aufgingen. Bei den Juden des Ostens hat die Religion die deutsche Sprache und die mitgebrachte Kultur gerettet. Die Abneigung und Abschließung gegen die Juden war also romantischer Natur; sie richteten sich nicht mehr gegen die fremde Religion, sondern gegen das fremde Element, in dem man anderartige Menschen mit anderer Vergangenheit sah: der „Teutsche" fühlte sich turmhoch über den Juden erhaben (wie auch über andere europäische Völker). Mit dem hohen Stolz auf die Vergangenheit, den die Wiedererweckung der altgermanischen Dichtung hervorrief, lief parallel die Hochschätzung der körperlichen Eigenschaften des eigenen Volkes. Die theoretische Grundlage für die Höherbewertung der eigenen gegenüber der fremden Rasse hatte die im achtzehnten Jahrhundert einsetzende wissenschaftliche Erforschung der menschlichen Rassen geliefert. Zuerst war es der berühmte schwedische Botaniker Karl von Linne, der das biblische Dogma von der einheitlichen Herkunft des Menschengeschlechts aufgab und den homo sapiens nach geographischen Gesichtspunkten in die vier großen Gruppen des europäischen, asiatischen, schwarzen und amerikanischen Menschen gliederte (1758). An ihn lehnte sich Johann Friedrich Blumenbach an, der die noch heute anerkannten Gruppen: kaukasische, mongolische, äthiopische, amerikanische und malaische Rasse unterschied2). Er hob auch zuerst die Bedeutung der Schädelform hervor, der später eine weit übertriebene Wichtigkeit beigelegt wurde3). Der eigentliche Vater der bis heute herrschenden Schädellehre ist aber der Schwede Anders Retzius (Langkopf — Kurzkopf4); sein Sohn Gustaf Retzius setzte das Werk fort. Die weitere Entwicklung ihrer Lehre durch den Franzosen Deniker, den Amerikaner Ripley und andere können wir hier nicht verfolgen; ebensowenig können wir auf die gerade jetzt beginnende Ablehnung der angeblich festen wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Methode z. B. durch den Hamburger Anthropologen Walter Scheidts) und andere eingehen, während Eugen Fischer, der Nachfolger Felix von Luschans auf demselben Lehrstuhl in Berlin, noch an den älteren Theorien festhält5). Nach der grotesken Übertreibung der Lehre von der Schädel- 2) De generis humani varietate nativa, Göttingen 1775. 3) Decas I—VII collectionis suae craniorum diversarum gentium illustrata. Göttingen 1790—1828 und noch später fortgesetzt. *) Om formen af Nordboernes Cranier. Förhandlingar vid de Skandinaviske naturforskarnes Möte III (1842). 4a) Allgemeine Rassenlehre, Band I, 1925. 5) E. Bauer, E. Fischer, Fr. Lenz, Menschliche Erblichkeitslehre, 3. Aufl., 1927 in dem Abschnitt: Die Rassenunterschiede des Menschen, Bd. I, S. 83 ff. 41

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