Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Zur Geschichte des "Rassenantisemitismus" in Deutschland
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 40 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des „Rassenantisemitismus" in Deutschland von Siegmund Feist Das Wort „Antisemitismus" ist neueren Ursprungs; es ist erst 1875 von Wilhelm Marr geprägt. „Rassenantisemitismus" ist ein Spezialgebiet des allgemeinen Antisemitismus, der im übrigen politische, wirtschaftliche und religiöse Gründe haben kann1). Die Sache ist schon älter, das Wort aber ist ganz jungen Datums, kaum früher als in unserem Jahrhundert geschaffen. Die Erscheinung des Rassenantisemitismus wird heute vornehmlich getragen von der Chamberlainschen Rassenideologie, auf die wir im Verlaufe unserer Untersuchung zu sprechen kommen. Diese Ideologie ist das Endergebnis einer sich durch das ganze neunzehnte Jahrhundert hinziehenden Entwicklung. Der Antisemitismus tritt auf, als der mittelalterliche „Judenhaß" seine Rolle längst ausgespielt hatte. Vom späten Mittelalter an bis gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts lebte der Jude, mit wenigen Ausnahmen, als Paria inmitten der andersgläubigen Bevölkerung, ohne gesicherten Wohnsitz und Erwerb. Ein Gegenstand des Hasses war er nicht mehr, er war, schlimmer als dies, ein Objekt der Verachtung geworden. Das änderte sich erst, als der Strom der Aufklärung, vom Westen herannahend, in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts Deutschland erreichte. Er brachte den Juden zuerst die tatsächliche, dann die gesetzliche Emanzipation, wenn auch schwere Rückschläge zur Zeit der Reaktion und im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts nicht ausblieben. Aber es waren keine religiösen Vorurteile mehr, wodurch die Gleichberechtigung der Juden in Frage gestellt wurde. Die Kämpfe zwischen den europäischen Völkern um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts trugen das Zeitalter der Aufklärung und der Schilderhebung der Menschenrechte zu Grabe. An seine Stelle trat, im auffallendem Gegensatz dazu, eine Zeit der nationalen Besinnung und in Deutschland des Kultes einer romantisch verklärten Vergangenheit. In diese Vorstellungsgruppe schienen die Juden mit ihrer eigenartigen Überlieferung nicht hinein zu passen. Wenigstens wußte man nichts mehr davon, daß einst im frühen Mittelalter auch Juden am *) Eduard König, Das antisemitische Hauptdogma, Bonn 1914, will den Begriff „Antisemitismus" auf den rassenhaften Gegensatz eingeschränkt wissen. 40