Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 26 (sequence 13)
- Language
- German
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A. Tän2er. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden erreicht. Ist aber etwa darum der Adler weniger da, weil wir ihn nicht erfassen und nicht begreifen können? — „Allein der Adler ist für uns nicht da, wenn er unseren Blicken sich entzieht, wenn unser Auge ihn nicht schaut!" entgegnet hartnäckig der Atheist. Wie? Wenn jener Adler aber, wenngleich wir ihn nicht sehen, aus den Lüften seine Stimme herniederschallen ließe, wenn er aus dem Füllhorn der Fortuna reiche Gaben uns herniedersendete, ohne daß wir ihn erblicken, wenn er den Donner des Jupiter und die Blitze, ohne daß unser Auge ihn wahrnimmt, herniederschleuderte, wäre er auch dann für uns nicht da? Und läßt der Herr nicht seine Stimme herniederschallen, daß sie in der Brust eines jeden Menschen wiederhallet, wenngleich wir ihn nicht sehen? Spricht nicht jederzeit eine Stimme aus jenen höheren Regionen zu uns, nicht bald als Verkünderin der ewigen Liebe des Vaters, mild und lieblich wie ein sanftes Wehen des Geistes? Bald als Mahnung und Befehl: „Du sollst sittlich sein" laut rufend im Posaunenschall? Bald als Warnung und Drohung: „Wahre und hüte Dich!" Schrecken erregend wie Windsgeheul und Wogenrauschen? Bald als Züchtigung und Strafe wie Donnergeroll und Sturmestoben? (Wir sehen Gott nicht, aber wir hören ihn, 5. B. M. 4,15: Ihr habet Gott nicht gesehen, aber ihr hörtet ihn.) Und läßt der Herr nicht ferner die reichen Gaben aus dem Füllhorn seiner Gnade zu uns kommen, ohne daß wir ihn erblicken? Nicht wie Fortuna nach Willkür und Zufall, sondern nach dem Ratschlüsse seiner ewigen Liebe und Gerechtigkeit! Geben wir dem Baume Saft und Nahrung, daß er gedeihe und Früchte trage? Wir dem Samenkorn die Kraft, daß es emporsprieße und den Halm mit Körnern fülle? Gaben wir dem Blute, das in unseren Adern rollt, die Bewegung, daß es nimmer raste und uns das Leben erhalte, wir dem Auge Licht, dem Ohr Gehör? Gaben endlich wir der Seele Leben, dem Geiste Kraft? (Wir sehen Gott nicht, aber seine Taten und sein segensreiches Wirken! Lesen Sie doch einmal hierzu das 33. Kap. im 2. B. M. mit der Erklärung von Mendelssohn, die er im 2. Teile des „Jerusalem" dazu gibt.) Und zeigt sich endlich Gott nicht in den Strafgerichten, die er über uns verhängt, so wir abweichen von den ewigen Gesetzen der Sittlichkeit, die er in unsere Brust geschrieben, auf der Tafel unseres Herzens unverlöschlich eingegraben hat? Wollten wir auch so kühn sein, verneinend darüber abzuurteilen, ob Gott auch auf eine Weise, die wir „übernatürlich" nennen, in das Schicksal der Menschen eingreife, können wir es leugnen, daß die Gesetze der Natur von Gott geordnet sind? Und zeigt sich nicht Gottes Strafgericht (zwar nicht als besonderer Ausspruch und vereinzelte Tat, aber doch als allgemeine Regel und Gesetz), wenn dem Laster auf dem Fuße die Strafe folgt? Merkwürdigerweise hat die Medizin ausfindig gemacht, daß alle Folgen von Unsittlichkeit, die sich in Krankheit des Leibes äußern, sich bis auf das 3. und 4. Geschlecht vererben und dann aufhören (wenn das Laster nämlich nicht von neuem begangen wird), ich sehe mich daher sehr geneigt, jenen Ausspruch Mosis „und Er bestraft seine Feinde" (d. i. die, welche sich gegen seine 26