Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 27 (sequence 14)
- Language
- German
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden Verordnungen in Natur und Sittlichkeit auflehnen) „bis ins 3. und 4. Geschlecht" durch das bloße Naturgesetz zu erklären und darin bewahrheitet zu finden. Darum, weil alles von ihm zeuget, weil alles ihn verkündigt, weil alles ihn beweiset, sprechen wir „Er ist ein Gott!", von dem wir stammen und dem wir ähnlich sind. Aber, wie können wir ihm ähnlich sein, den wir nicht begreifen, nicht erfassen? Ich komme nochmals auf das obige Bild zurück (der Herr wird es mir verzeihen, wenn ich so im sinnlichen Bilde von ihm rede, denn Schwäche ist nicht Schuld, und ich kann nicht besser) und sage: So wie das Geflügel der niederen Regionen einerlei Geschlechtes mit dem Adler ist, ihn aber dennoch nicht erreichen kann, weil es verzehrt wird von der Flammenglut der Sonne, in deren Nähe jener sich emporzuschwingen vermag, so sind auch wir eines Wesens mit Gott, können uns ihm aber nicht nahen, ohne in den heiligen Flammen (das Bild ist geistig aufzufassen), die um den Urquell alles Lichts ewig schweben, vor Demut, Sehnsucht, Wonne und — doch wer vermag jene reingeistigen Empfindungen und Regungen in irdisch-sinnlicher Sprache wiederzugeben — zu vergehen. „Es gibt einen Gott!" Das weiß die Menschheit! Grund genug, sie glücklich zu preisen und ihr eine Freudenträne zu weihen. Aber selbst^ daß diese Wahrheit wie so viele andere noch nicht allen Menschen zur Ersten Ueberzeugung geworden ist, daß noch so Vieles nach so vielen Jahrtausenden uns dunkel und unbegreiflich ist, macht das Los der Menschheit nicht beklagenswert. Denn nicht in dem Besitze der Wahrheit liegt die höchste Glückseligkeit, sondern in dem Suchen und Forschen nach derselben. Darum spricht auch unser großer Lessing ungefähr folgende Worte aus: „Wenn Gott in seiner Rechten die ewige Wahrheit hielte und in der Linken den Glauben und den Zweifel verbunden mit dem ewigen Trieb, jene, die Wahrheit, unermüdlich zu suchen und zu erstreben, und von seinem erhabenen Throne herab zu mir spräche „wähle!", würde ich flehend ihm in die Linke fallen und sprechen: „Gib mir, o Vater, diese, denn die reine Wahrheit ist ja nur für Dich!" Und in der Tat scheint es auch die Aufgabe des Menschen hier gar nicht zu sein, die Wahrheit zu besitzen, sondern nur sie zu suchen und sich vorzubereiten für jene Zukunft, da er sie finden soll. Dies lehrt uns auch die Geschichte der Philosophie ganz deutlich; denn läge es im Plan Gottes, daß der Besitz der Wahrheit das Ziel des Menschen schon hier auf Erden sein solle, dann würde die Menschheit sie längst gefunden haben. Denn es müssen die Pläne Gottes als des Allweisen und Allmächtigen unfehlbar ausgeführt werden, und seine Bestimmungen in Erfüllung gehen; und auch an der Menschheit kann es nicht liegen, denn sie hat nie geruht und nie gerastet und nimmer aufgehört, danach zu suchen. Nur die sittlich-praktischen Wahrheiten mußten der Menschheit immer mehr und mehr zur klaren Erkenntnis kommen, und daß dieses der Fall war und ist, legt ebenfalls die Geschichte der Philosophie Zeugnis ab......" 27