Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 25 (sequence 12)
- Language
- German
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden und ich fühle das Bedürfnis, mich hierüber (zur Ergänzung jenes Gespräches, das wir bei unserem letzten Zusammensein [über Spinoza] hatten), nochmals vor Ihnen auszusprechen. Die Geschichte der jetzigen Menschheit beginnt eigentlich erst mit Noah, und von ihm bis Abraham rechnet man 10 Geschlechter: 9 Zeitalter hindurch ging also die Menschheit mit jenem großen, unübersteiglich hohen, ewig wahren reinen Gottesgedanken schwanger, und erst im 10. erblickte er das Licht der Welt, oder vielmehr wurde er selbst zum Lichte der Welt, im Hause unseres Erzvaters. Wäre das Bild nicht zu kühn, würde ich es noch weit, sehr weit ausführen können, allein einige Züge aus demselben kann ich Ihnen nicht vorenthalten, in der freudigen Ueberzeugung, daß Sie mich verstehen werden. Dieser große, reine Gottesgedanke wurde gehegt und gepflegt von dem Patriarchen, und er gedieh gar herrlich, mit Hilfe des Herrn, der ihn gezeugt hatte in des Menschen Geist, und er wuchs heran zum Heile der Menschheit, er wurde der Stammheros des priesterlichen, gottgeweihten Reiches Israel; und mehr als irgend ein Stammheros, welcher Nation es auch sei, hat er Großes getan und geleistet und Taten vollführt wie keiner mehr. Mehr Tiere hat er gezähmt und gebändigt und unschädlich gemacht als alle Herkules und Simson, die ja dem Menschengeschlechte zum Retter dienten, denn er hat die Menschen, die noch dem Tiere gleich, roh und wild, unbändig und ungezähmt waren, zu Menschen gemacht, ihre rohe tierische Macht hat er in menschliche, sittliche Kraft verwandelt; er hat die beiden Schlangen, welche ihren tötlichen Geifer gegen die Menschen aussprühen, Haß und Zwietracht, zerdrückt, er hat die Erde, welche damals, gleich jenem berüchtigten Stalle, dem Könige der Finsternis angehörte und voller Unreinheit der Sitten war, gereinigt; er hat die Heerstraßen des Denkens sicher gemacht vor den Räubern und Dieben, Zweifel und Unglaube, und erschlagen jene Ungeheuer, die Gebilde des phantastischen Aberglaubens. Er ist die Quelle, er der König aller menschlichen, sittlichen und religiösen Gedanken, der einst einzig und allein herrschen wird im Reiche des Geistes, dann wird er das Zentrum sein in dem Gedankenkreise jeder menschlichen Seele, und aus ihm wird kommen jeder Wille, jeder Gedanke wie die Radien aus dem Mittelpunkte, er wird endlich die Sonne sein, und alle Gedanken seine Strahlen, und jeder Wille, jeder Vorsatz ein Planet, der von ihm das Licht empfängt. „Aber ist dieser Gedanke, der Gedanke Gottes, denn wahr?" so spricht die Zweifelsucht, „sollte es einen Gott wohl geben, da ich ihn doch nicht schauen kann?" — „Es gibt keinen Gott!" spricht der Aberwitz, „denn ich kann mir ihn nicht vorstellen!" — O, törichte Vermessenheit! Wenn der König des Aethers und seiner Bewohner, der Adler, hoch über unserem Haupte daherschwebt, können wir ihn nicht fassen und nicht greifen, — denn wir müßten selbst ein Adler sein, wenn wir ihn erreichen sollten. So können wir auch Gott nicht erfassen und nicht begreifen! Gott, der hoch über der Sphäre unseres Denkens weilt und den auch der schnellste Gedankenflug unseres Geistes nicht 25