Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 23 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden von dem er ausgegangen, hinausgehen und immer weiter und weiter vor- und hinaufdringen, und so für seine Mitmenschen suchen und finden neue Bahnen, die noch kein Mensch betreten oder nur gekannt, und so wird er sein ein Führer der Menschheit, der sie dem Gipfel der Vollkommenheit näher bringt. Das bisher Gesagte betrifft aber nur die rein intellectuelle, wissenschaftliche Seite der Geschichte der Philosophie, sie hat aber auch eine und das sehr bedeutend sittliche Seite. O, meine Freundin, wie soll ich Ihnen den Eindruck schildern, den ein einziger Blick in die Geschichte der Philosophie auf mich macht? Nehmen Sie den Eindruck aller Erscheinungen aus der Natur, welche eine Regung und Bewegung unseres Gemütes hervorbringen, zusammen und Sie haben ein mattes Bild davon. Was ist der Wechsel der Jahreszeiten und ihre Phänomene gegen den Anblick der verschiedenen Epochen in der Philosophie? Was der Sonnenaufgang gegen das Hervorstrahlen unsterblicher Gedanken wie die eines Plato und Spinoza, Leibnitz und Hegel? Was ist die Klarheit und Reinheit des Himmels gegen die Klarheit eines Gedankens von Aristoteles, gegen die Reinheit der Sitten eines Sokrates? Was ist die Schönheit eines Nordlichtes gegen das System eines Epikur (wenngleich beide nur trügerischer Schein sind)? Wahrlich die ganze Natur mit allen Reizen ihrer Phänomene vermag uns nicht so tief zu ergreifen, so sittlich hoch zu erheben, als die Geschichte der Philosophie. Wohl können und müssen wir jenes Sternenheer, das an einem heiteren Abend sich unserem Auge darbeut, bewundern und staunen über die Weisheit dessen, der diesen leblosen Massen vielfach verschlungene, nach den Gesetzen des höchsten Verstandes mit aller Umsicht und Einsicht wohlberechnete Bahnen vorgezeichnet hat, von denen sie nie und nimmer weichen; aber wie viel mehr werden wir ergriffen von Staunen und Bewunderung, wenn wir die Menschheit betrachten, wie sie strebt und ringt, mühevoll und kummervoll, mühsam und langsam, aber dennoch rüstig und lebendig, von Niemand geleitet, sich selber leitend, bald auf Adlerflügeln dahineilend, bald wieder gelähmt und träge sich schleppend, bald vorwärts, bald seitwärts, bald auf der Höhe, bald in der Tiefe, bald in den reichen Fluren des reinen geistigen Lebens freudig vorwärts schreitend, bald in dem Schlamme der niederen Leidenschaften versunken keuchend und dem Unterliegen nahe, aber nie und nimmer rastend. In der Tat, wenn ich nur einen einzigen Augenblick mich erhebe auf jenen Standpunkt, von welchem aus wir die Menschheit überschauen können in ihrer unaufhaltsamen Wanderung durch die Welt, dann geht mein Herz mir auf, unaussprechlich sind dann die inneren Regungen des Geistes und Gemütes, der Gedanke aber schwindet, und für neue Empfindung habe ich keine Worte, nur in Tränen tun sich meine Gefühle kund. Tränen des Schmerzes sind es, des bitterherben Schmerzes darüber, daß verworren und labyrinthisch verschlungen sind die Wege der Menschheit, auf denen sie nicht nur noch kein Ziel erreicht hat, sondern auch noch keines vor Augen sieht. Und auf diesen wandelt die Menschheit von jeher, rin- 23