Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 22 (sequence 9)
- Language
- German
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden können. Es war eine Art von Freude, die wir wohl empfinden werden, wenn wir einst an den Pforten des Himmels den Engel wieder unserer harren sehen, der uns einst bis an dieselbe geleitet, und der jetzt wieder gekommen ist, uns zurückzuführen in die Arme des liebenden Vaters, die er uns darbeut. Jener Grundgedanke sollte ja auch für meinen jetzigen Lehrer das Prinzip sein, nach welchem er die Geschichte der Philosophie auffassen wollte, er sollte der Leitfaden sein, an welchem wir den Gang durch die vielfach verschlungenen Wege, die der Geist der vorangegangenen Menschheit gebahnt und mit den Blüten der verschiedensten Zonen und Gegenden besetzt hat, machen wollten; ich stand also schon auf demselben Standpunkt mit ihm und durfte der Hoffnung Raum geben, ihm Schritt für Schritt folgen zu können, um die Monumente aufzusuchen, welche die Wahrheit jenes Grundgedankens bezeugen sollten. Und in der Tat bin ich ihm bis jetzt aufmerksam gefolgt. Aber dieser Gang durch die weiten Felder, welche die Philosophie der vergangenen Zeiten durchgepflügt und angebaut hat, ist sehr mühsam. Freilich mag es leicht sein für den, der sich die Geschichte wie ein Märchen erzählen läßt, der sich zwar gerne merkt die Namen aller der Philosophen, und obendrein alle die Worte und Sprüche derselben, die wir von ihnen noch besitzen, auswendig lernt; aber schwer wird es dem, der nicht die Worte nachbeten, sondern die Gedanken nachdenken will. Es ist göttlich schön, sich in den Geist so verschiedener Zeiten zu versetzen, es ist aber auch fast mehr als menschliche Kraft dazu nötig, aus seinem Zeitalter hinauszutreten, sich so ganz auf den Standpunkt zu stellen, der von dem unserigen fast himmelweit entfernt ist. Um wie viel schwieriger es ist, an dem Abhänge eines physischen Gebirges hinabzusteigen, als auf dessen Spitze zu lustwandeln, umso viel schwieriger ist auch, in jene Tiefen hinabzusteigen, aus welchen die Menschheit sich mühsam und langsam emporgerungen hat zu der Höhe der Anschauung, auf welcher sie jetzt steht, als diese selbst zu begreifen; und es ist wahrlich auch mit großen Gefahren verknüpft, denn gar leicht kann man auf dem Wege stoßen an die scharfen, verwundenden Felsenspitzen des Skeptizismus früherer Zeiten und hinabstürzen in den Abgrund des rohesten und frühesten Materialismus, gar leicht auch kann man sich verirren in dem undurchdringlichen Dickicht einer mystischen Philosophie, aus dem man nie wieder den Weg zurückfindet zum freien Denken; man kann auch leicht bezaubert werden in den Feenhütten der griechischen Philosophie, daß man nimmer nach Rückkehr verlangt, man kann aber auch umkommen vor geistigem Durste und verschmachten auf dem Wüstensande der scholastischen Philosophie; wer aber glücklich den Weg nach unten zurückgelegt und den Ariadnefaden nicht verloren hat, der ihn aufwärts leiten soll, der wird dann mit leichter Mühe sich aufwärts heben und kunstgeübt von Stufe zu Stufe höher steigen, der wird dann in Monden zurücklegen den Weg, den die Menschheit in Jahrhunderten, Jahrtausenden gemacht hat. Durch dieses Emporklimmen geübt, wird er dann aber auch, und das ist das Wichtigste, über seinen früheren Standpunkt, 22