Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 21 (sequence 8)
- Language
- German
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden jetzt die klare und heitere Bläue des (endlich) reinen Himmels hin und wieder schon mit einem Sonnenstrahle schmückt, der mir Hoffnung gibt, daß ich am Mittage meines Lebens die erwärmenden und belebenden Ströme des Lichtes genießen, daß ich, mit einem Worte, die Wahrheit schauen werde. Wer einen Sokrates sterben und einen Nero leben, wer Rom siegen und Zion unterliegen sieht, wer überhaupt nur einzelne Facta aus der Geschichte kennt und sie vereinzelt an seine Seele vorüberführt, der wird vergebens den Katechismus, welcher Glaubenslehre es auch sei, durchlesen, dem werden die erhabenen, ewig festen Grundwahrheiten auch unseres Katechismus nur hohle Phrase dünken, dem werden die heiligen Heilslehren unserer Religion, und wenn er sich dieselben 10 mal des Tages wiederholt, eitles Wortgepränge bleiben; wer aber die Geschichte in ihrem Zusammenhange kennt, wer in allen Erlebnissen der Menschheit eine zusammenhängende Kette sieht, deren Glieder unzertrennlich sind, wer die einzelnen Facta wie Stein an Stein anreihet und zusammenfügt und so, den großen Bau der Weltgeschichte in seinem Geiste wiederholend, einen Palast erstehen sieht, in dessen labyrinthisch geschlängelten Säulengängen dennoch nur Symmetrie und Harmonie waltet, der ist zurückgekommen zur ewigen unversiegbaren Quelle der Wahrheit und er wird aus ihr schöpfen den Lebenstrunk, zu stärken den wankenden Glauben, zu beleben die Kräfte zum Siege gegen den Zweifel, der wird sich selber schaffen einen Katechismus, reichhaltiger als je einer ist geschrieben worden, der wird finden die Zeugnisse, in den Tatsachen der Geschichte wird er finden die Zeugen, welche die Wahrheit der Lehren unseres Glaubens bestätigen, der wird schauen die Herrlichkeit Gottes und seine allwaltende Vorsehung, der wird schauen die Größe und Erhabenheit des menschlichen Geistes und wissen die Unsterblichkeit seiner Seele. Dies sind die Eindrücke, welche wenigstens ich von dem Studium der Geschichte empfangen habe. Was aber von der Geschichte im allgemeinen gilt, das findet besondere Anwendung auf die Geschichte der Philosophie. Und diese eigentlich ists, worüber ich Ihnen heute Einiges sagen wollte, denn sie macht den Mittelpunkt meiner Studien aus. Sie wissen, daß ich mich schon seit längerer Zeit eifrig damit beschäftigt habe, nichtsdestoweniger sind alle Collegien, die ich hier auf der Universität höre, über dieselbe. Ich höre sowohl Geschichte der alten und mittleren, als auch der neueren Philosophie und außerdem besonders über die des Spinoza und Leibnitz. Außerdem treibe ich, wie immer, Allerlei, worunter aber ganz besonders ein genaueres Studium des Plato begriffen ist. Denken Sie sich meine Freude, als ich in der ersten Stunde meines Besuches der Universität, zur Einleitung in die Geschichte der Philolosophie, jenen Gedanken, den ich Ihnen einst über diese brieflich mitgeteilt habe, Zug für Zug, nur mit anderen Worten, aus dem Munde des Professors vernommen habe. Glauben Sie mir, teure Freundin, es war in der Tat mehr als bloßer Kitzel der Eitelkeit, der mich auf den Gipfel der Freude, den ich erstiegen hatte, nimmer hätte versetzen 21