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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. Seite 20

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
Date
1930-04-01
Page
Seite 20 (sequence 7)
Language
German
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden jene Staatseinrichtung zu treffen haben, ja wohl nicht einmal der, daß wir in derselben die allwaltende Vorsehung erkennen, sondern einzig und allein der Vorteil scheint mir der höchste zu sein, daß wir die Erlebnisse der Vergangenheit im Geiste nochmals durchleben, die Gedanken der Weisen nochmals durchdenken, die Taten der Wohlwollenden im Geiste nochmals ausfuhren, die Kämpfe der Tugendhelden im Geiste mitkämpfen, dahingegen das Böse, wo es uns entgegentritt, verabscheuen. Wenn wir mit einer solchen Teilnahme die Geschichte der Vergangenheit erforschen, dann bereichern wir nicht nur unsere Erkenntnis, sondern auch die Gesinnung, das moralische Gefühl, die ethische Kraft, die in uns lebt. Denn nicht der Erfolg, welcher gar oft von den kleinsten Zufälligkeiten des Lebens abhängt, bestimmt den Wert unserer Bestrebungen, sondern einzig und allein der moralische Wille; es kommt also nicht darauf an, daß eine Tat getan, sondern nur, daß sie, freilich aufrichtig, gewollt werde, somit können wir auch das Entfernteste, sei es in Zeit oder Raum, mit durchleben, durchwollen, denn wie das Sonst und Jetzt ist auch das Hier und Dort dem Geiste in dem oben bezeichneten Sinne eins, oder doch einerlei.. „Berlin, 1. Juni 1846*). .....also sind auch meine Gedanken gereift an der Stätte, wohin einst der Krater der Skepsis, in dessen Tiefen Vulkan die Waffen schmiedet gegen Wahrheit und Glauben, wo unermüdlich geschürt wird die Flamme des Unglaubens und Aberglaubens, welcher nicht minder verzehrend um sich greift, um die herrlichen Gärten der Wahrheit und friedlichen Hütten des Glaubens zu vernichten, als der Unglaube selbst emporschoß die glühenden Ströme des Zweifels und der Verzweiflung an Gott und Menschheit; meine Gedanken sind gediehen an der Stätte, wo einst die Lava des Haders und der Unzufriedenheit mit der Welt und mir selbst den Boden für Gedanke und Empfindung überschüttet, Geist und Herz unfruchtbar gemacht hatte, daß nicht fortkommen konnte weder die Blüte der Hoffnung, noch die Blume des Glaubens oder die Frucht der Liebe! Und diese Stätte, meine Freundin, heißt Geschichte! Sie ists, die einst die Nacht des Zweifels an dem Horizonte meines Denkens heraufbeschwor, jene Nacht, in der kein Stern der Hoffnung auf Wahrheit mir entgegenglänzte, jene Nacht, die nur selten und spärlich erhellt wurde durch Blitze, zuckende, schnell Verschwindende Blitze, die mich das grausige Dunkel der undurchsichtigen, rabenschwarzen Wolken umso deutlicher erkennen ließen. Sie ists aber auch, die nunmehr den Morgenstern mir leuchten ließ, der sich noch gerade zurückzieht vor dem Glänze der aufsteigenden rosigen Morgenröte, welche *) Auch dieser Brief fällt noch in die Gymnasiastenzeit von Lazarus, obwohl er das Braunschweiger Obergymnasium bereits am 9. April 1846 mit einem ehrenvollen Reifezeugnis verlassen hatte und sich in Berlin immatriculieren ließ. Er ist im August 1846 nach Braunschweig zurückgekehrt, hat zum Michaelis-Termin die vollständige Reifeprüfung abgelegt und sein Maturitätszeugnis am 13. Sept. 1846 erhalten. 20

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