Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 19 (sequence 6)
- Language
- German
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden „Braunschweig, 20. Februar 1846. Ihr sehr Geehrtes vom 22.v.M. beantwortend, beginne ich mit Ihrem Schlüsse, wonach ich Ihnen die Worte „der Geist kennt keine Vergangenheit" zu erläutern habe. Der Geist, wenn er sich hinaufschwingt zu der Höhe, die das Ziel ist, welches ihm der allgütige Schöpfer vorgesteckt, wenn er von seinem Selbstbewußtsein hinaufsteigt zum Weltbewußtsein, zum Wissen vom Sein der Welt und deren ewiger unaufhörlicher Bewegung, von deren Tun, das zugleich ihr Leiden, von deren Beruf, der zugleich ihr Schicksal ist, und endlich zum Gottesbewußtsein, zum Wissen von Gott und dessen Allheit, wenn der Geist, sage ich, sich so weit emporgehoben hat, dann umfaßt er das All und begreift es, dann fühlt er sich nicht mehr als Einzelwesen, sondern als Glied der unendlichen Kette der endlichen Wesen, und, was noch mehr ist, als ein Ausfluß des unendlichen Wesens selber, und dann umfaßt er mit seinem Begriffe den Raum und die Zeit mit allem, was in ihnen ist; und indem er alles zum Objekte seiner Subjektivität macht, vermag er dem Starren Bewegung zu geben, was fern im Osten lebt oder im Westen, im Süden oder im Norden, oder was auch nicht lebt, was starr an seinem Boden klebt, es regt sich auf seinen Willen und tritt ein in seinen Geist und wird ihm gegenwärtig; was vor Jahrtausenden lebte und sich zutrug, was versunken scheint im Meere der Vergangenheit als im Strome des Lethe, das muß herannahen seinem Geiste, das wird ihm gegenwärtig. Ich brauche nur zu wollen, und ich stehe tieferschüttert an Sinais Fuße, höre, als wenn sie jetzt ertönte, die Stimme Gottes, die vor 3 Jahrtausenden von seinen Höhen erschallte; ich brauche nur .zu wollen, und mein Geist liegt anbetend am Altare in dem heiligen Tempel zu Jerusalem, als dessen Bau unter Salomos weiser Regierung eben vollendet ist; ich brauche nur zu wollen, und er schaut die Trümmer Zions, die ehemalige „Freude der Erde", tiefbekümmert und wehklagend; ich brauche nur zu wollen, und ich bin an Ihrer Seite wie zu jener Zeit, da sich mir die Fittige des Geistes auf Ihren Antrieb regten und mich hinauf zur Lösung aller Zweifel hoben. Kennt der Geist nun eine Vergangenheit? Ist ihm nicht alles gegenwärtig? Sonst oder Jetzt ist ihm nicht gleich? Sind sie nicht eins? Wohl vergessen wir manches, aber was tuts, ein Factum mehr oder weniger gewußt! Was aber dieses oder jenes Factum zu unserer geistigen oder moralischen Kraft hinzugefügt hat, das bleibt und ist unvergänglich. Ich glaube, daß Ihnen das Letzte vielleicht noch etwas dunkel sein wird. Wie? höre ich Sie fragen, kann ein gewußtes Factum aus der Geschichte meine moralische Kraft erhöhen und stärken? Wohl kann es das, denn, und dieser Gedanke über das Studium der Geschichte und dessen Nutzen, den ich vor wenigen Wochen selbst gefunden, scheint mir, soweit meine Kenntnis der Literatur reicht, neu zu sein, denn, sage ich, der Hauptzweck und Hauptvorteil beim Studium der Geschichte ist wohl nicht der, daß wir uns wie Kinder etwas zur Ergötzung erzählen lassen, auch nicht der, daß wir aus der Vergangenheit lernen, wie wir in Zukunft diese oder 19