Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 18 (sequence 5)
- Language
- German
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden über den Horizont erhebt, jedoch mit regelmäßiger Abwechselung von Tag und Nacht. Die Menschheit, zu schwach einen ununterbrochenen Flug zu ertragen, bewegt sich nur langsam wie der Sperling fort, der sich abwechselnd senkt und wieder emporsteigt. Ihre Abirrungen, zuweilen mehr scheinbar als wirklich, sind, wie ich schon oben gesagt, auch ein Fortschritt oder eine Bedingung des Fortschrittes. Nie sieht man sie stocken, nie wahrhaft rückwärts gehen. Er, der Mensch, pilgert nicht in einer Ebene. Vor ihm liegt ein Berg, den er erklimmen soll, und hinter diesem ein anderer, noch höherer und so fort. Zum Gipfel gelangt, muß er hinabsteigen; um wieder hinaufzusteigen, muß er ein tiefes Tal durchwandern, wo der Boden bedeckt ist mit dem Kies, den die Fluten führen. (Ein solches Tal ist das Mittelalter und die Zeit des Verfalls des Römerreiches.) So betrachte ich die Menschheit, im höheren Sinne des Wortes, und so ihre Geschichte. Vielleicht werden Sie mir beistimmen. Diese Ansicht hat nicht nur viel Tröstliches, sondern, wie ich glaube und hoffe, auch Wahres. Alles, was ich aber durch meine philosophischen Bestrebungen erwerbe, suche ich mir zur Religionsphilosophie zu gestalten oder doch darauf zu beziehen. Ich setze meine religiösen Studien gewissenhaft fort und das ist der schwierigste Punkt, denn heutzutage soll und muß man nicht nur sein „ein Arbeiter im Weinberg des Herrn", sondern auch ein „Kämpfer im Streit für den Herrn". Man hat nicht nur das friedliche Werkzeug zu handhaben, sondern auch die Waffen des Krieges zu führen. Denn die Religion ist sehr, gar sehr gefährdet, und doch ist sie das Höchste, was der Mensch hat. Die Philosophie, die Wirksamkeit des Verstandes oder, wenn es hoch kommt, der Vernunft ist nur ein Teil desjenigen, was der Mensch Hohes vermag. Empfindung, Gefühl und wie man es noch nennen mag, alles muß sich zu einer allgemeinen Tätigkeit vereinen, dann nur geht das Vollkommene hervor, und das ist die Religion. Der Mensch soll denken, geistig tätig sein, aber tätig nicht nur wie die rohen Materialisten mit dem Körper oder allenfalls mit dem hausbackenen Verstände, nicht wie Ultraphilosophen mit der bloßen Vernunft, die gar bald die Grenzen übeischreitet, und Rochefoucould sagt: „Der größte Fehler des menschlichen Geistes ist nicht der, daß er die Grenzen seiner Kräfte nicht erreicht, sondern daß er sie überschreitet", tätig ferner nicht nur mit dem Gedächtnis, indem er sich gelernte Phrasen wiederholt, tätig ferner nicht nur mit der Phantasie oder mit der Empfindung oder wie man das nichtkörperliche Sein des Menschen sonst noch alles zergliedern oder zerstückeln mag. Nein! Der ganze Mensch, so wie er ist, so wie die Natur alles in ihm vereint hat, so soll er tätig sein, so sie allesamt, die ihm innewohnenden Kräfte, ausbilden, so in seiner Verschmelzung des Göttlichen und Menschlichen sich hinaufschwingen, damit einst, wenn er das Menschliche ablegt, das Göttliche vollkommen sei, sich mit dem Urquell desselben, Gott selbst, zu vereinigen. Die Vereinigung des Menschlichen ist das höchste Ziel, das der Mensch zu erreichen streben soll, denn „der Mensch ist ein Ebenbild Gottes", Mensch und dennoch ein Ebenbild Gottes....." 18