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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. Seite 17

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
Date
1930-04-01
Page
Seite 17 (sequence 4)
Language
German
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden ihm von einem meiner Freunde vorgestellt war, hat er mir nicht nur gestattet, diesen unentgeltlich beizuwohnen, sondern auch ihn nach Belieben zu besuchen. Ich habe demnach die Aesthetik nach allen Richtungen in allen Teilen, sowohl durch die gedachten Vorlesungen, als auch durch Gespräche mit Dr. Hann, sowie außerdem durch Zuziehung einiger ausgezeichneter Werke von Hegel und Vischer (über das Komische und Erhabene) wenigstens insoweit zu meinem Eigentume gemacht, daß ich sie auf der Universität nicht mehr zu hören brauche. Diesen Sommer beschäftigt mich in Gemeinschaft mit meinem besten Freunde, einem jungen Mann, welcher vor einem halben Jahre bereits das Gymnasium verlassen und also Reife für die Universität erlangt hat, der mit den glänzendsten Anlagen begabt ist, dessen heller Kopf und biederes Herz seinesgleichen sucht, das System des Herbart, eines Philosophen des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts, der zwar von den neueren Philosophen verdrängt wurde, wie es scheint aber nur wegen seiner allzugroßen Gründlichkeit und Anforderung von ungeheuren Vorkenntnissen, die er stellt, sowie der Verpönung allen Phantasierens und Schwärmens, welches bei den jetzigen Philosophen, besonders Sendling, so sehr beliebt ist, aus der Philosophie. Außerdem richte ich mein Augenmerk stets auf die Geschichte der Philosophie. O das ist ein großes Ergötzen, zu belauschen den Gang des menschlichen Fortschrittes, zu sehen, wie Systeme sich erheben und stürzen, um anderen Platz zu machen, wie diese wieder verdrängt werden und so fort und fort. Wenn ich mich so ins Anschauen der Vergangenheit, wenn es für den Geist eine Vergangenheit gibt, vertiefe, wenn ich Jahrhunderte und deren geistige Produkte in einem Nu vor meinem Geiste vorüberziehen sehe, wenn ich wahrnehme, wie mich dieses anzieht, jenes zurückstößt, wie mir dieses wahr, jenes falsch erscheint, dann will es mir immer scheinen, als sei der Geist, der Gesamtgeist der ganzen Menschheit Ein Geist, und wie bei diesem in seinem Nachdenken eine Vorstellung aus der anderen entspringt, eine die andere verdrängt, und die dritte sich wieder mit der ersten vereint, um die zweite zu bekämpfen usw., so scheint mir der Geist der Gesamtheit nur Eins, und in diesem wird nichts erzeugt, das nicht irgendwie nützlich auf ein Anderes einwirkt, so war kein System, meiner Meinung nach, da, wahr oder falsch, das nicht ein anderes vorbereiten, ein früheres berichtigen und Extreme ausgleichen half. Mir scheint, die Wahrheiten, deren der Mensch fähig ist, stets unvollständig und mit Irrtümern gemischt, haben 2 Reihen von Folgen, die diesen beiden Elementen ihrer unvollkommenen Begriffe entsprechen. In dem Maße wie er die Gesamtheit besitzt, bildet ihn diese im Guten, und dieses fortschreitende Gute, von dem Falschen, das sich ebenfalls entwickelt, getrübt, stößt außerdem früher oder später auf seine Grenze, die durch den Grad der erzeugenden Kraft seines Prinzips bestimmt ist. Dann muß ein anderes Prinzip, eine andere Wahrheit, die in der ersten lag, daraus hervorgehen und ihrerseits eine wirksame Ursache eines neuen Fortschrittes werden, wie nach der kalten und dunklen Jahreszeit die Sonne sich stets mehr v 17

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