Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden, nach seinen Jugendbriefen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 16 (sequence 3)
- Language
- German
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A. Tänzer. Moritz Lazarus über die Bedeutung der Geschichte der Juden zeugt, als daß ich Ihnen verschweigen sollte, was mir auszusprechen vielleicht die strenge Bescheidenheit verbietet. Ich werde von vielen meiner früheren Lehrer wie ein wahrer Freund behandelt, wie ein Kollege geachtet! Bei einem derselben war ich verflossenen Winter fast jede Woche zweimal zu Abendbrot und Abendunterhaltung neben vielen andern wirklich gelehrten Männern im Amte eingeladen. Von anderen werde ich oft zu Spaziergängen eingeladen, ja zuweilen von ihnen nach Hause begleitet. Es ist kein Mensch frei von Ehrgeiz, auch ich nicht, die Befriedigung desselben auf eine so natürliche und ungezwungene Weise kann nur einen wohltuenden und zugleich höchst angenehmen Eindruck auf mich machen. Wenn ich mich so beständig meinen Mitschülern vorgezogen sehe, lenkt es mich oft zur Selbstprüfung, ob ich es auch verdiene, und mit Wonne vernehme ich, daß mein Selbstbewußtsein mit jener Beurteilung meiner, die sich von Seiten der Lehrer in ihrem Benehmen kundtut, übereinstimmt. Vor mehreren Wochen habe ich einen freien Vortrag „über die Seelengröße des Sokrates in seinem Verhalten vor Gericht" in Gegenwart sämtlicher Lehrer und Schüler des Obergymnasiums gehalten, welcher lauten, ungeteilten Beifall erhielt. Einige Lehrer haben dessen Vorzüglichkeit auch vor anderen Personen gerühmt, infolgedessen ich von mehreren meiner hiesigen Gönner aufgefordert wurde, ihnen denselben zuzusenden. Vor 14 Tagen habe ich eine Abhandlung „über die Seelenwanderung" eingeliefert; nachdem ich sie vorgelesen, sagte der Lehrer, obengenannter Dr. Griepenkerl, ein Greis von ca. 70 Jahren: „Noch nie hat wohl ein Schüler des Obergymnasiums eine so vollendete Arbeit geliefert. Der Verfasser legt auf 21/2 Bogen eine reife und tiefe Kenntnis der alten Philosophen und deren Systeme an den Tag, so wie er nicht minder eine kräftige und kühne Subjektivität, ein freies und tüchtiges Selbstdenken darin zeigt. Nicht zu gedenken des wahrhaft rednerischen Talentes, welches wir sowohl hier als an vielen anderen Arbeiten zu bewundern Gelegenheit hatten." In diesem Tone, meine Freundin, sprach er, das Einzelne recensierend, 1/4 Stunde lang. Ich verzichte darauf, Ihnen die Gefühle zu schildern, von denen ich ergriffen war, während ich, die Augen aller Schüler auf mich gerichtet, den Professor also sprechen hörte. Sie können sich denken, daß ich dadurch großen Neid bei meinen Mitschülern zu erregen nicht entgehe, und dieser würde bei den Mindergutgesinnten in Haß übergehen, wenn sie nicht meiner Hilfe manchmal bedürften, die ich ihnen gerne leiste. Außer den Schulstunden beschäftige ich mich wie sonst eifrig mit dem Studium der Philosophie. Nachdem ich mich den ganzen vorigen Sommer und einen Teil des Winters mit Kant beschäftigt habe, ging ich zu Hegel über, von dem ich, außer einer encyclopädischen Kenntnis seines ganzen Systems, die Aesthetik ganz durchgearbeitet habe. Hierzu wurde ich durch eine Reihe von 16 Vorlesungen, die ich von einem Schüler desselben hier hörte, veranlaßt. Dieser Schüler, genannt Dr. Hann, hält jeden Winter Privatvorlesungen über verschiedene Zweige der Philosophie, welche zu hören 2 Louisdor kostet. Nachdem ich 16