Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern. Das JudenprobJem im Wandel der Staatsformen Friedrich des Großen die berühmten jüdischen Seiden- und Samtfabriken dank der staatlichen Unterstützung ihren glanzvollen Höhepunkt erlebten. Diese nahe Berührung mit den Juden brachte es mit sich, daß der Staat gleichzeitig begann, sich intensiver um die jüdischen Gemeinden zu kümmern. Die mittelalterliche Auffassung, daß „jedem engeren Ganzen bis herab zum Individuum ein eigenes Leben, ein besonderer Zweck und ein selbständiger Wert in dem harmonisch gegliederten Organismus des vom göttlichen Rechte erfüllten Weltganzen beizulegen sei", hatte die Stellung des Staates zur jüdischen Gemeinschaft bestimmt. Man hatte sich damit begnügt, sie nur als Werkzeug der staatlichen Finanzpolitik zu betrachten, dagegen es noch nicht als Aufgabe angesehen, ihr eigenes und inneres Leben zu zerstören, in ihre induviduelle Rechtssphäre einzugreifen und ihre selbständige Entfaltung zu verhindern. So war bis ins 18. Jahrhundert hinein die Autonomie der jüdischen Gemeinde, ihre Selbstverwaltung und Gerichtsbarkeit, die Wahl ihrer Rabbiner, Vorsteher und Beamten, das eigene Unterrichts-, Gottesdienst- und Vormundschaftswesen unangetastet geblieben. Indem nun aber der moderne Obrigkeitsstaat versuchte, Bresche zu schlagen in alle mittelalterlichen Korporationen und Verbände durch die in seinem Wesen selbst liegende Tendenz der Atomisierung und Nivellierung seiner Untertanen, indem er durch Ordnungen und Gesetze alles regulierte und alles reglementierte, löste er gleichzeitig die jüdische Gemeinde als genossenschaftlich geeinte Gesamtheit auf. Wie er die städtischen Kommunen sich unterstellte und die freie Ratswahl unterdrückte, so mischte er sich jetzt in die Wahl der Rabbiner und Gemeindevorsteher, in die Dinge des jüdischen Kultus, selbst der Religion und hob die eigene jüdische Gerichtsbarkeit auf. Diese Vorgänge hängen wiederum eng mit der Umwandlung des absolutistischen Militärstaates in den aufgeklärten Wohlfahrtsstaat zusammen. Der harte, rücksichtslose Machtstaat des 17. wird zum humanitären und toleranten Kulturstaat des 18. Jahrhunderts, der, um einen berühmten Ausspruch Friedrich des Großen zu gebrauchen, Mitleid haben soll mit den Schwächen der Menschen und Humanität haben für alle. Da „das Staatsinteresse es nicht mehr nötig hatte, die Glaubenseinheit der Untertanen als Klammer des Untertanengehorsams zu benutzen, konnte der Staat sittlicher und liberaler werden" (Meinecke). Der Fürst, der sich jetzt selbst als den ersten Diener seines Staates betrachtet, durchdringt sich mit den großen philosophischen Gedanken des aufgeklärten Jahrhunderts, das die Veredelung der Untertanen, ihre Befreiung von Vorurteil und Aberglauben, die Entfaltung aller ihrer seelischen Kräfte als höchste Aufgabe der Herrschenden bezeichnet. Deshalb versucht jetzt auch der Staat, wobei ihn die Lehren der Physiokraten beeinflussen, die Juden vom einseitigen Handel zu ent- 12