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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. Seite 11

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen
Date
1930-04-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Selma Stern. Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen häuser zu bedürfen, um Waren- und Geldhandel in Blüte zu bringen." So nahm Hamburg die vertriebenen portugiesischen Juden auf, um mit ihrer Hilfe die Hamburger Bank zu begründen, um den Handel mit Portugal und Spanien zu beleben, um gewisse Artikel, wie Tabak, Wein, Gewürze und Kattun durch sie zu importieren. „Es ist nichts so vorteilhaft für das allgemeine Beste des Handels", schrieb 1663 der französische Minister Colbert an den Intendanten von Aix, „als die Zahl derer zu mehren, die ihn treiben, so daß, was füfc die Bewohner von Marseille nicht nützlich ist (diese hatten sich über den Handel der Juden beklagt), dem Staatsganzen nützlich ist, um so mehr, als die Niederlassungen der Juden niemals um des Handels willen verboten worden sind, da derselbe gewöhnlich überall sich vermehrt, wo sie sich aufhalten, sondern nur der Religion wegen." Aus eben diesen Gründen erließ ihnen der Große Kurfürst den Leibzoll, um durch sie die libertas commerciorum, die Freiheit des Handels zu fördern. Er gestattete deshalb den Mindenern in Ravensberg, den Märkern in Kleve, den Halberstädtern in Ostpreußen zu handeln, um die Verkehrsfreiheit zwischen den einzelnen Provinzen zu heben und sie wirtschaftlich enger miteinander zu verbinden. Er siedelte mit Vorliebe Juden in Frankfurt a. O. an, um die dortigen Messen zu heben, er erlaubte ihre Ansiedlung in Kleve, um den Durchgangs? handel nach Holland zu erleichtern, in Pommern und Ostpreußen, um den Handel nach dem Osten zu ziehen, in Berlin, um die Stadt zum Handelsmittelpunkt der Mark Brandenburg, ja des ganzen nordöstlichen Deutschlands zu machen. Lag der Schwerpunkt der merkantilistischen Wirtschaftspolitik ursprünglich im Handel, sö trat in späterer Zeit „an Stelle des Schlagwortes Kommercien das Schlagwort Manufakturen". D. h. der Staat, selbst der kühnste Organisator und Unternehmer, machte sich zur Hauptaufgabe die Förderung der heimischen Industrie, ihre Unabhängigkeit vom Auslande durch Gründung eigener staatlicher Fabriken und industrieller Behörden, durch Prämien und Ausfuhrverbote, durch Schutzzölle und Handelsverbote. Auch hier entzogen anfangs die heimischen Untertanen dem Staate ängstlich, verlegen und eifersüchtig ihre Hilfe. Die ersten Unternehmer sind deshalb Ausländer und Juden gewesen. In Paderborn siedelte der Bischof, hauptsächlich zur Gründung von Leinenfabriken, Juden im Lande an, in Oettingen beabsichtigten die Fürsten die Anlage der Spitzen- und Seidenfabrikation durch die Juden, der Freiherr von Glaubitz überließ die berühmte Druckerei von Dyhernfurt einem jüdischen Unternehmer, in der Pfalz, in Hessen, in Württemberg wurden Juden zur Unterstützung der staatlichen Manufakturen, zur Gründung von Tabakfabriken herangezogen. Die erste preußische Tabaksmanufaktur wurde unter der Aegide des Großen Kurfürsten von David Nathan und Hartwig Daniel angelegt, der erste preußische König begünstigte jüdische Litzenfabriken in Königsberg, jüdische Seidenbandfabriken in Wesel, jüdische Stickereimanufakturen in Berlin, während unter der Regierung Friedrich Wilhelm I. und 11

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