Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern. Das Judenproblem im Wandel der Siaatsformen fernen, sie zu Handwerk und Ackerbau zu erziehen, ihre Sprache, ihre Bildung, ihren Unterricht der Umwelt zu assimilieren. Es gehört nicht zur Aufgabe dieser allein die Motive des Staates andeutenden Skizze, darzulegen, wie dieses Vorgehen auf die jüdische Gemeinschaft wirkte, auch nicht, obwohl es schon näher läge, wie umgekehrt Strömungen, Bewegungen und Veränderungen dieser Gemeinschaft das staatliche Handeln beeinflußt, gehemmt oder gestaltet haben. Es galt hier nur in ganz groben Linien zu zeigen, wie die Wandlungen der Staatsformen auch das Judenproblem wandelten, bis die ganze Entwicklung in der neuesten Staatsform einen Abschluß gefunden hat. Denn der moderne Verfassungsstaat, der „seine Funktionen durch eine Mehrheit verfassungsmäßig geordneter Organe versieht und feste Rechtsschranken zwischen sich und seinen Angehörigen errichtet", der das religiöse Gewissen seiner Untertanen achtet und schont, krönt das Werk des aufgeklarten Absolutismus durch Verleihung der staatsbürgerlichen Rechte an alle Juden, durch die Verkündigung der Freiheit und Gleichheit aller Bürger. Die Juden, bis jetzt nur Objekt der Geschichte und Werkzeug des Staatswillens, nehmen von nun an aktiv an der Gestaltung und Wandlung der Staatsformen teil. Diese Teilnahme auf der einen, die Haltung des Staates auf der andern Seite durch alle Arten der Monarchie und der Republik hindurch zu verfolgen, würde den Rahmen dieses Aufsatzes weit überschreiten. Denn man müßte das Judenproblem gleichzeitig vom Standpunkt der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen, religiösen Parteien beleuchten und den Einfluß aufdecken, den Partei und Gesellschaft auf die Handlung der Regierenden ausgeübt haben. 13