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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. Seite 10

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1930-1931
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen
Date
1930-04-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Selma Stern. Das Judenprobien) im Wandel der Staatsfornien alterlichen losen Verbindungen einheitlich starke Wirtschaftskörper setzte, die Stadt-, Landschafts- und Ständewirtschaftspolitik gegen die Staatswirtschaftspolitik vertauschte, so steigerte man die politische Macht nach außen durch die Gründung von Flotten- und Geschäftskompagnien, durch Seehandel und Schiffahrt Dabei stellte man wiederum die Juden als einen wichtigen Faktor in Rechnung. Einmal, indem man sie zur Finanzierung der Handelskompagnien oder zur Ausführung kolonialer Pläne heranzog. Zum zweiten, indem man versuchte, mit ihrer Hilfe die ganze mittelalterlich gebundene egoistische und partikularistische Handels- und Gewerbepolitik der Untertanen zu bekämpfen. War doch noch immer die Provinz von der Provinz, das Land von der Stadt wirtschaftlich völlig getrennt, galt doch noch immer als weiseste Maxime der Wirtschaftspolitik einer Stadt der Ausschluß aller Konkurrenz, die Begünstigung nur des einheimischen Bürgers. Und in der Stadt selbst herrschten die Zünfte, dieses „Ueberbleibsel einer bereits untergegangenen Ordnung der öffentlichen Verhältnisse", einst eingerichtet, um „mittelst einer nach Quantität und Qualität genau geregelten Produktion den städtischen Markt und Absatz zu sichern." Nun aber, da mit dem Aufkommen der Banken, mit dem Aufblühen der Industrie, mit der Ausbildung der Technik in des ganzen Welt große wirtschaftliche Wandlungen sich vollzogen, waren sie nicht mehr imstande, den Ansprüchen eines harten und rücksichtslosen, aber großzügigen und unternehmenden Zeitgeistes zu genügen. Auf ihren verbrieften Privilegien fußend, hielten sie starr am Althergebrachten fest und begrenzten streng die Produktions- und Absatzgebiete. Wenn nun der absolutistische Staat die Handelstätigkeit der Juden überall auffallend unterstützte, ihnen das Recht zu kaufen und zu verkaufen gewährte, sie offene Kramläden und Buden halten ließ, so tat er es aus der ganz allgemeinen Absicht heraus, den Vertrieb von Luxuswaren und Massenprodukten durch sie zu fördern, mehr Geld in Umlauf zu bringen, den noch halb naturalwirtschaftlichen Charakter der Wirtschaft in den modernen geld- und kreditwirtschaftlichen umzugestalten. Ebenso sehr war es ihm aber auch darum zu tun, den fest umschriebenen Rechten der Zünfte Abbruch zu tun, den schädlichen Preisverabredungen, dem numerus clausus und dem hohen Meistergelde entgegenzuwirken, auf daß „die Konkurrenz das gewerbliche Leben auf gesundere Basis bringe". Zum Dritten aber gedachte man, durch ihre größere kommerzielle Erfahrung und ihren frischen Unternehmermut die bedächtigen, seßhaften und unzufriedenen Untertanen mitfortzureißen, sie als Lehrer für sie auszunutzen, ähnlich wie sich einst zu diesem Zwecke die Griechen der Phönizier, die Römer der Griechen, die mittelalterlichen Staaten der Araber, Syrer und Italiener bedient hatten. So zog Holland die spanisch-portugiesischen Juden ins Land, wo sie als Bankiers und Agenten, im Uebersee- und Levantehandel eine Rolle spielten. So glaubte England, der „reichen, jüdischen Handels- 10

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