Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259282-2259284-2260289--2819-2260330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Selma Stern. Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen Steuerquellen. Denn es gab damals in fast allen Staaten noch zwei gesonderte Gruppen von Finanzverwaltungen, eine fürstliche und eine ständische. Die einzigen fürstlichen Finanzbehörden, die Amtskammern und Renteien, verwalteten die einzigen Einnahmequellen, die Domänen, Zölle und Regalien, während die eigentlichen Steuern noch immer in die Kassen der Stände flössen. Gelder für besondere Ausgaben erlangten die Fürsten, wenigstens in der ersten Hälfte der absolutistischen Epoche, erst nach dramatischen Auseinandersetzungen auf den Landtagen und erst nach Gewährung großer Konzessionen. Dagegen war es ihnen fast überall gelungen, das Judenregal der Verwaltung der Stände zu entreißen und sich damit Steuerträger zu schaffen, die außerhalb der fest umschriebenen Kreise lebten und durch gleiche Interessen eng mit ihnen verbunden waren. War so die Gesamtheit der Juden wichtig für die Organisation des Absolutismus, so wirkten einzelne vornehme, tatkräftige und reiche Juden aktiv mit bei der Umgestaltung der modernen Staatenwelt. Das sind die Hoffaktoren, die im 17. und 18. Jahrhundert ihr klassisches Zeitalter erlebten. Es ist sicher kein Zufall, daß wir gerade in jener Zeit, die noch keinen öffentlichen Kredit kannte, an fast allen Höfen Europas den Hofjuden treffen als den Hauptgläubiger der Krone und ihren wichtigsten finanziellen Berater. Der Tod des großen Wiener Kriegslieferanten Samuel Oppenheimer, der mit seinen Millionen die österreichische Hofkammer beherrschte, dessen Transaktionen und Kreditgeschäfte die österreichische Weltstellung befestigte, erschütterte den Staat so sehr, daß er beinahe als Katastrophe empfunden wurde. Das Geld und der Kredit Samson Wertheimers halfen die Siege von Höchstädt und Turin, von Malplaquet und Peterwardein erringen und damit dem Hause Habsburg das halbe Italien und die halbe Türkei gewinnen. Man denke an die vielen Münzjuden, die Liebmann, die Gumperts in Preußen, die Beer in der Pfalz, die Model und Fränkel in Ansbach, den Süß Oppenheimer in Württemberg, die auf die Geldpolitik der Staaten solch nachhaltigen Einfluß geübt haben, an Leffmanr. Behrens von Hannover, der seinem Fürsten die neunte Kurwürde erjagte, an Berend Lehmann aus Halberstadt, mit dessen Geld der sächsische Kurfürst die polnische Königskrone gewann. Im engen Zusammenhang mit dieser Finanz- und Steuerpolitik stand die kühne und großzügige Wirtschaftspolitik des Merkantilismus. Um der Bevölkerung die Zahlung der vielen Abgaben zu ermöglichen, mußte die Grundlage dazu, ein blühendes Wirtschaftsleben, erst geschaffen werden. So ging Hand in Hand mit der Gründung der stehenden Heere und der Organisation der Behörden eine von oben geleitete systematische Handels-, Manufaktur- und Gewerbepolitik. Es war ja die Zeit einer mächtigen Steigerung aller wirtschaftlichen Energien bei den meisten Völkern Europas. Die Entdeckung der überseeischen Länder hatte den Blick geweitet, ihn von der engen Sphäre der Heimat auf die große Welt gelenkt. Und wie man im Innern die staatliche Macht erhöhte, indem man an Stelle der mittel- 9