Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Selma Stern. Das Judenproblcm im Wandel der Staatsformen zwischen Volksreichtum1 und Macht die Aufmerksamkeit lenkten oder, wie Leibniz, erklärten, daß die „Nahrhaftigkeit eines Landes in der Menge der Leute vornehmlich bestehe." Hermann Conring betonte die Wichtigkeit einer starken Bevölkerung für militärische Zwecke und sah eine der Ursachen für die Entvölkerung Spaniens in dem seit ungefähr 100 Jahren aufgekommenen Wahnsinn (insania) der Ketzervertreibungen und der dadurch veranlaßteil Auswanderung von nahezu einer Million Juden und Marranen. Eine ungleich wichtigere Rolle aber als diese Populationsmomente spielten für den absolutistischen Staat Motive finanzieller Natur. Das Zeitalter des Absolutismus ist ja charakterisiert durch sein Streben nach Geld. Als höchste ökonomische Staatsmaxime wurde Geldervverb gefordert: „Für Staat und Fürsten", lehrten die Merkantilisten, „komme es vor allem darauf an, sich Geld zu schaffen und es im Lande zu halten." Die Finanzkammer, erklärte der Staatswissenschaftler Justi, sei das Herz des Staates, die Geldzirkulation der Blutlauf, die Wege der Einnahmen und Ausgaben die Venen und Arterien, das Geld das treibende Moment im Staatskörper. Die Hauptsache für den Herrscher sei, die Regalien zu erhöhen, die Intraden zu vermehren. Denn einmal erforderte im modernen Staate die auswärtige Politik, der Kampf um die Kolonien, die Gründung der großen, stehenden Heere ungeheure Summen. Zum Zweiten brauchten die Herrscher für ihre inneren Ziele, für die Befestigung der absoluten Macht, für den damit in Verbindung stehenden Kampf mit den Ständen, für die Neubildung der Behörden gewaltige Mittel. Zum Dritten hatte die große Preisrevolution des 16. und 17. Jahrhunderts eine starke Verminderung des Geldwertes herbeigeführt und neue Einnahmequellen notwendig gemacht. Neben die Steuer von Kopf und Besitz trat das Motiv der Teilnahme an der produktiven Förderung der Staatswirtschaft und der steuerliche Abfall von dieser Tätigkeit. Der Merkantilismus steigerte und versteifte das theoretisch oft so sehr, daß er zeitweise in den Juden die Retter aus aller Bedrängnis sah. In einer damals sehr bekannten Staatsschrift: „Portrait de la cour de la Pologne" verlangte der sächsische Edelmann von Wolframsdorf die Einwanderung der Juden nach Sachsen, da er glaubte, sie würden dem Staate jährlich fünf Millionen einbringen. Der Graf von (Dettingen war überzeugt, daß die Aufnahme der Juden durch den süddeutschen Johanniterorden geeignet sei, dessen Güter blühend zu machen und zu „wichtigen Intraden" zu bringen. Das kleine Höchst wollte spanische Juden heranziehen, um durch sie zwei Millionen zu gewinnen. Die Namen der reichen Texeira in Hamburg, der Pinto in Amsterdam waren weltbekannt, die großen Schätze, die die spanischen Juden einst nach Holland gebracht haben sollten, umspann bereits der Nimbus der Sage. Dazu kam, daß der Judentribut für die Fürsten wichtig wurde als eine der wenigen ihm unmittelbar zur Verfügung stehenden 8