Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1930-1931
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Das Judenproblem im Wandel der Staatsformen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Sclma Stern. Das Judcnproblcin im Wandel der Siaatsfonnen Die Zeit der Renaissance, die die Vorstellung vom antiken Machtstaate erneuerte, die Rezeption des römischen Rechts, vor allem der 30-jährige Krieg, der die Schwäche und Hilflosigkeit des Ständestaates kraß und rückhaltlos offenbarte, töteten die Idee von den alten, guten unantastbaren Gewohnheiten. Eine neue Welt mit neuen Lebensformen, neuem Ethos, neuer Staatsgesinnung, neuen Persönlichkeiten entstand. Sie setzte anstelle mittelalterlicher Beschaulichkeit eine unruhige Aktivität, anstelle asketischer Entsagung die leidenschaftliche Gier nach Besitz, anstelle der Jenseitsgedanken den diesseitigen irdischen Menschen, anstelle stiller Kontemplation den ungeheuren Willen zum Leben, zum Genuß und zum Glänze. Anstelle der Universalmonarchie und der universalen Kirche traten einzelne, kraftvolle, individuelle Nationen, die sich in wildem Rivalitätskampfe verzehrten, in Erfindungen, Entdeckungen, Eroberungen sich überboten. Die Kirche, ihrer Führung beraubt, wich einer neuen, großen sieghaften Macht — der Ratio,, der Vernunft. Die Staatsräson, die Heiligsprechung der kalten, harten Interessenpolitik, der höheren Staatsnotwendigkeit, der Relativität der Moral, die dem Staat erlaubte, was sie dem Menschen verbot, überwand das absolute, positive, mittelalterliche Recht. Der Herrscher, der sich mit dem Staate jetzt identifizierte, bekämpfte seine privaten Interessen zu Gunsten der staatlichen Interessen, zerschlug die intermediären Gewalten zu Gunsten der Einheit des Staates, verdrängte den Adel und schuf den Beamten, zertrümmerte das Söldnerheer und gründete das stehende Heer, löste alte Bindungen des Bluts und des Gefühls und knüpfte neue, rationale und zweckhafte mit kühlem, bewußten Verstand. Und indem nun der moderne Staat die ganze mittelalterliche Welt in Trümmer schlug, alle seine Untertanen in unmittelbare Beziehungen zu sich brachte, alle ihre Kräfte anspannte, ausnützte und sich unterwarf, wies er auch zum ersten Male klar und überlegt in diesem kunstvollen, fein organi4 sierten Mechanismus dem Juden einen Platz an. Die Juden wurden nicht mehr fürstliche Kammerknechte, Pertinenzen des Herrschers, sondern wurden als persönliche Träger aufstrebender Wirtschaftsformen Glieder des Staates als Wirtschaftskörper. Aus der Wirtschaft wuchsen sie allmählich in die politische und gesellschaftliche Stellung hinein, nachdem aber schon der wirtschaftliche Ausgangspunkt sie enger dem Staate als der Gesellschaft verbunden hatte. Maßgebend waren dabei nicht Toleranzideen der Zeit, wiewohl die Trennung von Staat und Kirche hineingespielt haben .mag. Maßgebend waren ursprünglich rein machtpolitische, rein finanzielle, rein wirtschaftliche Motive. Denn die Prediger des Absolutismus, die Coming, Becher, Seckendorf, die Hornigk, Schröder, Pufendorf verlangten vom Staate eine Begünstigung der Einwanderung von außen, indem sie auf die engen Wechselbeziehungen zwischen Bevölkerungsreichtum und Produktion, 7