Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 4
- Article
- Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 328 (sequence 7)
- Language
- German
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Isak Unna. Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit nach Hause zu gehen." — In der späteren Zeit (so in den Reden von 1801 und 1803) wird auch über die zunehmende Entweihung des Sabbat geklagt. In einigen Reden finden wir auch einen Hinweis auf die politischen Ereignisse jener bewegten Zeit. In der Rede zum Sabbat Schuwa 1799 wird mit Dankesworten der wunderbaren Errettung der Gemeinde gedacht. Durch Gottes Hilfe seien nicht nur keine Verluste an Menschenleben, sondern nicht einmal materielle Verluste zu beklagen. Es handelt sich dabei um die Kämpfe, die im Oktober 1799 zwischen Oesterreichern und Franzosen nahe bei Mannheim ausgefochten wurden und bei denen die Stadt wiederholt den Besitzer wechselte. — R. Michael Scheuer erwähnt auch, daß er, ohne daß er sich irgendwie vorgedrängt hätte, von dem großen Kurfürsten herangezogen worden sei und in großem Ansehen bei ihm sowie bei den Behörden stehe. Als bei der Huldigungsfeier der Mannheimer Bevölkerung im Jahre 1803 der neue Kurfürst Karl Friedrich auch in der Synagoge erschien und dort dem Gottesdienst beiwohnte, hielt der Oberrabbiner eine Rede, die auf Veranlassung des Vorstandes im Druck erschien12). Das Gesamtbild der Zustände in der Gemeinde, wie es die Reden widerspiegeln, müßte als wenig erfreulich bezeichnet werden, wenn nicht ein wesentlicher Umstand dabei zu berücksichtigen wäre. Die Aufgabe des Predigers war es, und zwar ganz besonders an den beiden Sabbaten vor dem Pesachfeste und vor dem Versöhnungstage, zu mahnen und zu warnen. Er mußte deshalb auf die vorhandenen Mißstände hinweisen und sie oft mit scharfen Worten geißeln. So treten naturgemäß die Schattenseiten stark hervor. Aber der Redner betont selbst an verschiedenen Stellen, daß es nur ein Teil, oft nur ein kleiner Teil der Gemeinde ist, dem sein Tadel gilt. Es gab weite Kreise, die fest in der alten Tradition wurzelten und die auch das Thorastudium In der hergebrachten Weise pflegten. Bestand doch in der Gemeinde das „große Lehrhaus" des R. Lemle Moses, in welchem zahlreiche Gelehrte und Schüler Tage und Nächte der Thora widmeten. Darin allerdings sollte der Oberrabbiner mit seiner Beurteilung der Entwicklung recht behalten: die Verbreitung der neuen Ideen hat den jüdischen Charakter der Gemeinde sehr ungünstig beeinflußt und die darauffolgende Generation mehr und mehr dem Judentum entfremdet. 12) S. auch Löwenstein, S. 265. 328