Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 4
- Article
- Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 327 (sequence 6)
- Language
- German
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Isak Unna. Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit Eine Folge davon ist auch die Abnahme der Wohltätigkeit; denn die Putzsucht der Frauen verschlingt soviel Geld, daß für die Armen nichts übrig bleibt. Der Rabbiner richtet an die Vorsteher die inständige Bitte, ihn in seinem Bestreben, diesem Unwesen zu steuern, zu unterstützen, und er will nötigenfalls auch die Hilfe der Behörde in Anspruch nehmen. Ganz besonders lag R. Michael Scheuer seine Talmudschule und das Thorastudium überhaupt am Herzen. Deshalb hatte er sich schon in seinem Rabbinatsvertrag das Recht ausbedungen, eine Jeschiwa von 10 Thorajungem zu unterhalten, die von der Gemeinde unterstützt werden sollten. Sehr häufig muß er sich nun über die Vernachlässigung dieser Unterstützung beklagen. Schon im Jahr 1785 begannen, hauptsächlich auf Betreiben des früher erwähnten Michael Sinzheim, die Bestrebungen, den Schülern die Unterstützung zu entziehen oder wenigstens ihre Zahl zu beschränken. In der Sabbat- Schuwa-Rede des Jahres 1790 klagt er bitter, daß man das bei seiner Anstellung feierlich gegebene Versprechen nicht halten wolle. Man hatte in der Synagoge ausgerufen, daß die bisherige Ordnung, wonach die Familienväter den Schülern wöchentlich abwechselnd die Kost gewährten, aufgehoben werden sollte. „Und dabei verlangt doch der Hausherr, daß der J es chiwa jünger als Entgelt mit seinem Kinde nicht nur Thora, sondern auch Schreiben und Rechnen lernen sollte." Auch die Lage der sonstigen Thoragelehrten ist eine sehr gedrückte, und sie können nur unter den größten Entbehrungen ihrem heiligen Berufe obliegen. Auch inbezug auf die Wohltätigkeit gibt es mancherlei zu tadeln. Man wolle die Durchwanderer nicht unterstützen, weil soviele Betrüger darunter seien, und man entschuldige die Hartherzigkeit gegen die Armen damit, daß man an die offentliche Fürsorge bezahle, die doch so wenig leisten könne. Es wird auch mißbilligend erwähnt, daß die Vorsteher einen nicht jüdischen „Bettelvogt" angestellt hätten, offenbar eine Art Schutzmann, der die auswärtigen Armen zu überwachen hatte. Die Weigerung mancher, für die Armen Palästinas zu spenden, wird als ein „Rat des bösen Triebes" bezeichnet! „Der böse Trieb kleidet sich manchmal in das Gewand der Frömmigkeit und sagt zu dem Menschen: Warum willst du dein Geld in ein entferntes Land, nach Palästina, schicken für Leute, die du nicht kennst? Wer weiß, wie viel davon bis dorthin gelangt und ob der, der es empfängt, würdig oder unwürdig ist! Besser du gibst es in deinem Heimatlande einem dir Nahestehenden! — In Wirklichkeit ist es nur sein böses Herz, das ihm diesen Rat gibt; denn schließlich gibt er weder für die in der Nähe noch für die entfernt wohnenden Armen." Daneben hören wir auch Klagen allgemeiner Art, so über das vorzeitige Verlassen der Synagoge. Ironisch wird einmal bemerkt: „Manche glauben, wenn der Vorbeter (gegen Schluß des Gebetes) laut ausruft INI 'It^V "HENK» so sei dies *ür sie eine Aufforderung, 327