Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 4
- Article
- Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 325 (sequence 4)
- Language
- German
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Isak Unna. Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit mehr abgelenkt wird. „Wenn das Kind noch klein ist und die Weisheit der Thora noch nicht in sich aufgenommen hat, dürfte man es nicht den fremden Wissenschaften zuführen, die es dann ganz in Anspruch nehmen werden. In unserer Zeit aber lehren sie die kleinen Kinder schon fremde Sprachen, Französisch, Latein, Geographie usw.; und von der Thora wollen sie nichts mehr wissen".7) Schon im zarten Alter, heißt es in einer späteren Rede8) nimmt man die Kinder aus dem jüdischen Unterricht, und bevor sie noch das Judentum kennen, ja bevor sie eine Ahnung haben, was es heißt, ein Jude zu sein, schicken sie sie ins Lyzeum. Ja sogar am Sabbat gehen sie in die Schule, wodurch sie zur Uebertretung vieler Verbote veranlaßt werden." Er bekämpft nicht die Einführung in die fremden Wissenschaften an sich, sondern nur die allzufrühe Beschäftigung mit ihnen, weil sie die Jugend vom Thorastudium ablenkt und dadurch dem Judentum entfremdet. Ein sehr häufig wiederkehrendes Thema ist der Besuch des Theaters, der „Komödie". Schon in den ersten Jahren seiner Tätigkeit (1791), wo er noch mit Befriedigung erwähnt, daß „man hier nicht wie anderwärts die zarten Kinder schon in die Normalschulen schicke, sie vielmehr zur Thora und Gottesfurcht erziehe" klagt er doch über die Vergnügungssucht, besonders über den allgemeinen Besuch des Theaters. Der Verkehr in nichtjüdischen Kreisen veranlaßt die jungen Leute, es auch äußerlich den Nichtjuden gleichzutun. Um bei den Nichtjüdinnen kein Mißfallen zu erregen, entäußern sie sich vollkommen des Bartschmuckes, sogar mit Uebertretung des Verbots III. B. M. 19, 27, kleiden sich ganz nach nichtjüdischer Art und tragen auch den Zopf. Der Hang der Pfälzer zu Genuß und Vergnügen übte auch auf die Juden einen starken Einfluß aus. Wird doch in einer Karlsruher Denkschrift von 1803 behauptet, daß an dem wirtschaftlichen Ruin der Pfalz, mindestens im gleichen Maße wie der Krieg, die Genußsucht und das üppige Leben der Pfälzer schuld sei. Der wahre Grund des Verderbens liege in der „so unsinnig als grenzenlos eingerissenen Modesucht" des weiblichen Geschlechts, und das böse Beispiel werde dem Mittelstand vom Adel gegeben, dessen glänzendes Auftreten in Bürgerkreisen nachgeahmt werde. Sogar beim Gesinde sei die Modesucht so sehr eingerissen, daß keine Herrschaft mehr hinlänglichen Lohn zahlen oder der sinkenden Moraütät der Dienstboten steuern könne9). Auch R. Michael Scheuer klagt über die Ausgelassenheit der jüdischen Dienstboten, „die mit Juden und Nichtjuden zum Tanz gehen", und er erinnert daran, daß der Hausherr auch für das Verhalten seiner Hausangehörigen mitverantwortlich sei. Mit diesen Zeiterscheinungen steht auch das Schwinden der jüdischen Sittlichkeit im Zusammenhang, das wiederholt mit scharfen Worten gegeißelt wird. Auch hier offenbart sich der Einfluß der ») Aus einer Rede v.J. 1801. 8) „ » „ „ „ 1808. 9) S. Walter, Geschichte Mannheims II, S. 88. 325