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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-01-01 · Heft 4 · p. Seite 324

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 4
Article
Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit
Date
1930-01-01
Page
Seite 324 (sequence 3)
Language
German
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Isak Unna. Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit ten, war eine größere Stadt, der durch den kurfürstlichen Hof ein besonderer Glanz verliehen wurde. Es gab mannigfache Gelegenheit zur Bildung, Theater und Kunststatten, und die allerdings nur langsam und schrittweise sich vollziehende Emanzipation beförderte die Teilnahme der Juden an dem gesellschaftlichen Leben. So sehen wir denn auch, wie hier nach und nach die neuen Ideen sich ausbreiten, wenn auch zunächst nur ein kleiner Teil der Gemeinde davon ergriffen wird. In diesem Zusammenhang wird wiederholt ein gewisser MichaelSinzh e i m genannt, der, wie es scheint, aus Berlin nach Mannheim kam5) und hier die Ideen des Abfalls zu verbreiten suchte. Die Thora, sagte er, hätte nur für die damalige Zeit Geltung gehabt, und nur ihre sittlichen Lehren seien von ewigem Wert. R. Michael Scheuer warnt vor dem Umgang mit ihm und bemerkt in einem wohl später gemachten Zusatz, daß er sich zuerst über die Speiseverbote und die Vorschrift des Fastens am 9. Ab hinweggesetzt, hernach aber dem Judentum vollständig den Rücken gekehrt habe. Er war ein heftiger Gegner des Rabbiners und suchte auch die Unterstützung der Jeschiwajünger seitens der Gemeindemitglieder zu hintertreiben. Diese Bestrebungen, die auch von anderen Persönlichkeiten gefördert wurden, untergruben den Einfluß des Rabbiners, und er führte wiederholt Klage darüber. So sagt er in einer Rede aus dem Jahr 1790: „Seit 8 Jahren war ich bemüht, das Thoragesetz und auch die Anordnungen der Weisen in der Gemeinde aufrecht zu erhalten, ja auch jeden Eingriff in einen geheiligten Minhag zu verhindern; jetzt aber reicht meine Macht dazu nicht mehr aus." Im Zusammenhang damit stehen wohl auch die Versuche einzelner, sich der jüdischen Gerichtsbarkeit zu entziehen. „Sie wollen nicht vor das jüdische Gericht gehen und tun es nur unter dem Zwang der Behörde, die sie zu ihrem eigenen Wohl nötigt, sich zuerst an den jüdischen Richter zu wenden. Dabei hört man von ihnen Aeußerungen wie: Macht ihr nur, was ihr wollt; ich werde doch appellieren." R. Michael Scheuer beurteilt überhaupt die Folgen der Emanzipation für das Judentum sehr pessimistisch; er sieht voraus, daß sie die Vernachlässigung des Thorastudiums und den Niedergang der Religion zur Folge haben wird, und erwähnt eine Aeußerung Wagenseils, der es als eine Torheit bezeichnete, daß man die Juden, die ein „hartnäckiges Volk" seien, durch Feuer und Schwert zum Abfall habe zwingen wollen; man solle sie vielmehr heranziehen und ihnen Staatsämter übertragen, dann würden sie ihre Religion wechseln und sich den Völkern assimilieren6). Schon jetzt, sagt er, schämt man sich des Namens „Jude" und will nur noch „Bürger" genannt werden. Auch über die Entweihung des Sabbats hat er, wenn auch nur in vereinzelten Fällen, zu klagen. Große Sorge bereitet ihm die zunehmende Beschäftigung der Jugend mit anderen Wissenschaften, durch welche sie vom Thorastudium mehr und 5) im mra *iddi npim inn sats im xsen 6) Aus einer Rede v.J. 1801. 324

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