Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 4
- Article
- Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 323 (sequence 2)
- Language
- German
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Isak Unna. Oberrabbiner Michael Scheuer als Kritiker seiner Zeit. Die Zeit, in welche die Amtstätigkeit R. Michael Scheuers fällt, ist eine Periode des Uebergangs sowohl in politischer wie in religiöser Beziehung und deshalb sind die Reden (mt2H7)> die aus seinem Nachlaß handschriftlich vorhanden sind und in die damaligen Zustände der Gemeinde einen Einblick gewähren, von großem Interesse3). Von den Reden sind nur einige in Worms gehalten, darunter eine in Gegenwart der Abgesandten der Mannheimer Gemeinde, und die Abschiedsrede von Worms; alle anderen entstammen der Mannheimer Zeit, und zwar umfassen sie die ganze Zeit seiner Tätigkeit. Zum Teil wurden sie erst nachträglich aufgezeichnet4), einige sind überhaupt nicht gehalten worden. Eine eigene Gruppe bilden die halachischen Vorträge, in welchen der Scharfsinn und die tief eindringende Gelehrsamkeit des Verfassers besonders zur Geltung kommen. Eine weitere Gruppe umfaßt homiletische Betrachtungen zu den Wochenabschnitten; dazu kommt noch eine Reihe von Trauerreden (DHDDn)- Von den letzteren sind zu nennen: die auf den Prager Oberrabbiner R. Jecheskel Landau (st. 1793), auf R. Rafael Kohen, den Oberrabbiner der 3 Gemeinden Altona, Hamburg, Wandsbek (st. 1805), auf R. Nathan Adler aus Frankfurt (st. 1807) und auf den dortigen Rabbiner R. Pinchas Horovitz (st. 1805). Die Reden sind, dem Geschmack der Zeit entsprechend, eine Mischung von halachischen und agadischen Elementen und setzen bei den Zuhörern ein großes Maß von talmudischem und allgemein jüdischem Wissen voraus. Besonders interessant sind die Reden, die an den Sabbaten vor dem Pesachfest ( Vn^H JlStP ) vor ^€m Versöhnungstage (nntPfl nilP ) gehalten wurden. Man legte an diesen Sabbaten Wert darauf, Mißstände, die sich in der Gemeinde zeigten, zu geißeln und die Zuhörer zur Buße zu ermahnen. Wir können deshalb aus diesen Reden mancherlei Rückschlüsse ziehen auf die Zustände in der Gemeinde und auf ihre Entwicklung während der Zeit der Amtstätigkeit des Rabbiners. Diese Zeit, die Wende des 18. Jahrhunderts, bedeutet den Anfang der Wandlung in den äußeren und inneren Verhältnissen der Juden in Deutschland. Für die äußeren Verhältnisse bildet die französische Revolution einen Wendepunkt; für die innere Entwicklung sind die Wirkungen, die von Mendelssohn und seinem Kreis sowie von der Berliner Aufklärung ausgingen, von großer Tragweite gewesen. In dem Bestreben, die Juden in die europäische Kultur einzuführen, ging man vielfach weit über das Ziel hinaus und verursachte dadurch schwere innere Erschütterungen. In den Gemeinden der Provinz äußerten sich diese Wirkungen nicht so rascsji. Mannheim, wo im Jahre 1761 225 jüdische Familien wohn- 3) Die Handschriften sind im Besitz des Herrn Hugo Bondi in Frankfurt a. M., dem ich für die Ueberlassung des Materials auch an dieser Stelle meinen Dank zum Ausdruck bringen möchte. <) Wiederholt wird bei der Überschrift hinzugefügt: »m3Tl '["TW 7fä* 323