Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Vertreibung der Juden aus Weißenburg 1520
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 301 (sequence 5)
- Language
- German
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Moritz Stern. Die Vertreibung der Juden aus Weißenburg 1520 geschriebenen Annalens) des Priors Kilian Leib von Rebdorf: Bonifacii sancti praesulis ac martyris die vulgus oppidi Weissenburg, quod ad Noricum vocant, ductricibus Anna Gebhartin et Dorothea Alexanderin Judaeorum illic habitantium irrupit domos9) fores, fenestras cistasque confregit, laceravit Codices aliaque nonnulla diripuit. Ductrices illae foeminae, biduo reclusae in praetorio, temeritatis parvulam dedere poenam. Das Weißenburger Stadtbuch notiert, daß am Tage darauf, am 6. Juni, „die Juden gemeiniglich Urlaub forderten" 10). Danach sagten also infolge der geschehenen Plünderung alle Juden nicht erst am 12. Juni, sondern schon am 6. ihren Wohnsitz auf. Sie erhielten zum Bescheid: „Ain rat well sich uf ir begern bedenken und inen in kurtz antwurt geben; man well sy auch mitlerweil, soviel ain rat möglich ist, schützen und schirmen und nachtz in der gasz hueten lassen uf ire kosten". Der Rat konnte sich nicht entschließen, er fürchtete die Verantwortung. Aber die geringe Strafe von zwei Tagen Haft war für das Volk kein Abschreckungsmittel. So kam es zum zweiten Aufstand und dieses Mal sogar zur Bedrohung des Lebens der Juden. Da diese in der am 12. Juni ausgestellten Urkunde hiervon erzählen, muß sich die zweite „Empörung" zwischen dem 6. und 12. Juni ereignet haben, wahrscheinlich kurz vor dem 12. oder gar an diesem Tage selber. Jetzt wurde der „Urlaub" sofort bewilligt. Nach dem Ratsbuch übergaben am 20. Juni sechs Juden in der Gerichtsstube ihre „Gerechtigkeit", d.h. ihre Schuldforderungen11). Die Synagoge wurde abgerissen und an ihrer Stelle nach dem Vorbilde Regensburgs12) und Rothenburgs eine Marienkapelle gebaut. Der Rat übernahm die Leitung. Im Juli wandte sich eine Bürgergruppe an den Rat „in saehen der kapelle, die in neulichen tagen letzterer zu zimmern befohlen habe" 13). Da es an Wallfahrern wie in Regensburg nicht fehlte und man mit mehr Spenden rechnete, wenn in der Kapelle auch die Messe gelesen werden konnte, wurde der Rat beim zuständigen Bischof in Eichstätt wegen Gestattung des Gottesdienstes vorstellig. Dieser aber lehnte die Konsekrierung ab, nicht etwa, weil die Kapelle auf dem Boden einer zerstörten Synagoge s) Herausgegeben von Oefele in Aretins Beyträgen z. Gesch. und Literatur vorzüglich aus den Schätzen der pfalzbaierischen Centraibibliothek zu München, Bd. VII (München 1806), S. 656. 9) Die Synagoge wird hier nicht besonders erwähnt. 10) Vgl. Kilian Leib a. a. O.: Hebraei metuentes, se demum graviora passuros, senatores adeunt rogantque, quatenus, si se senatus tueri non possit, saltem tutos sinat civitate excedere. ") Ried S. 6 versteht unter Gerechtigkeit auch den Hausbesitz. Vgl. die Notiz Leibs: Excesserunt igitur casulis suis senatüi non magno pretio divenditis. Der Jude Machiran (Schreib- oder Druckfehler für den Mairlein unserer Ur* künde?) verlangte für sein Haus 4 fl. Das kann nicht der Verkaufspreis gewesen sein. Der Jude Ficker verkaufte am 6. Juli seinen Besitz an Anna Lutin, also nicht an den Rat. 12) Das schreibt Kilian Leib ausdrücklich: Weißenburgii Ratisbonenses imitati etiam ipsi in synagogae loco deiparae Mariae sacrum aedificavere sacellum. ") Die Antwort des Rats v. 18. Juli siehe bei Ried S. 6. 301