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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1930-01-01 · Heft 4 · p. Seite 293

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 4
Article
Die Raschikapelle in Worms a. Rh.
Date
1930-01-01
Page
Seite 293 (sequence 3)
Language
German
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J. Kiefer. Die Raschikapelle in Worms a. Rh. Wenden wir uns nun noch kurz dem Inhalt der Tafeln zu, so haben Lewysohn und Epstein gute Uebersetzungen geliefert, aber beide kamen nicht zu einem abschließenden Ergebnis. Auch hier hätte ein lokalkundiger Berater Epstein die Aufgabe erleichtern können. Es dürfte sich lediglich um das Frauenbad handeln, das 1186 von einem Manne, der Joseph hieß, errichtet wurde. „Tief grub er bis zum Grunde und führte aufwärts das Gewölbe, einwärts führt ein gerader Weg und die Wand erhebt sich aus früheren Trümmern." Mit anderen Worten heißt dies, daß ein aus Römerzeiten stammender Brunnen zu einem Frauenbad umgebaut wurde. Eine Treppe, die bis hinab zur Quelle führt, wurde angelegt, das Ganze überwölbt, und die noch brauchbaren Fundamente, besonders die östliche Mauer mit deutlichem römischen Ursprung wurden mitbenutzt. Die rein romanischen Steinhauerarbeiten bestätigen das Erbauungsjahr 1186. Kehren wir nun zu dem Gegenstand unserer Betrachtungzurück. Epstein nahm an, wie schon vorher ausgeführt wurde, die Tafeln bezüglich der Erbauung des Frauenbades hätten in der Westwand der Männersynagoge gesessen, weil er dort einen Eingang vermutete, der in früheren Zeiten bestanden haben soll. Durch diese, durch nichts begründete Vermutung ließ man sich alsdann verleiten, falsche Schlüsse zu ziehen, d. h. die Existenz eines Gebet- oder Lehr-Hauses, in dem Raschi geweilt hätte, an der Stelle der jetzigen Raschikapelle zu verneinen. Die erste Aufgabe dürfte es deshalb sein zu prüfen, ob an der vermuteten Stelle eine Tür möglich und erforderlich war und ob solche überhaupt einen Zweck hätte haben können. Wir wissen, daß der Hof der Synagoge recht klein war, er hatte nicht einmal die Größe von heute. Im Norden lag die Judengasse mit der übergroßen Mehrzahl der Häuser unserer Vorfahren. Dementsprechend befindet sich das Hauptportal der Synagoge in ihrer Nordfront. Es kann nicht an anderer Stelle gewesen sein, denn eine Chronik im städtischen Archiv gibt uns Kunde davon, daß dieses Portal bei der Zerstörung der Synagoge im Jahre 1615 unversehrt blieb. Das Mauerwerk bestätigt diese Angabe. In der Südwand befindet sich ein kleines Portal für Rabbiner und Bräutigam, denn dem Portal gegenüber befand sich das Tanzhaus mit der Wohnung des Rabbiners. Auch hier bestätigt das Mauerwerk und die Steinbearbeitung, daß es sich um eine ursprüngliche Anordnung handelt. Zudem wird 1605 das Tanzhaus u. a. in einem Aktenstück bei einer Bestandsaufnahme von Wein wie folgt erwähnt: „Bei dem Tanzhaus oder hinter der Schul in einem Haus, das kein Schild hat, 131/2 Fuder Wein." Wozu hätte also eine Türe in der Westwand dienen sollen, die an den kleinen Hof grenzte? Anstoßend an diesen waren die Gärten von Häusern, die christlichen Besitzern gehörten, die in der Zwerchgasse (jetzt Friedrichstraße) standen. Auch spricht die Bodenlage gegen eine Tür in der Westwand. Es kann angenommen werden, daß man nach den Psalmworten, „aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir", den Boden der Synagoge absichtlich tief legte und die hinabführenden Stufen bewußt anordnete. Der Hof, in der die Raschikapelle steht, hat aber die gleiche Tiefenlage, wie der Boden 293

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