Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Polnische Übersetzungen und Editionen der Werke Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 3)
- Language
- German
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Majcr Balaban. Polnische Uebersetzungen und Editionen der Werke Mendelssohns nasium zu St. Elisabeth absovierte7). Um 1816 kam er nach Warschau, wo er für die Kinder der „deutschen" Juden eine Normalschule nach Berliner Muster gründete und auch literarisch im apologetischen Sinne sich betätigte8)- Die polnische Regierung, die sich eben in jenen Jahren viel mit der Judenfrage beschäftigte, beauftragte den jungen Mann mit der Organisierung dreier Volksschulen für jüdische Kinder und ernannte ihn zum Aufseher (Inspektor). Die Vorbereitungen dauerten drei Jahre, so daß die Schulen erst am 29. September 1820 eröffnet wurden. Sofort begann ein Kesseltreiben seitens der Warschauer Orthodoxie, sowohl der Chassidim wie auch der Misnagdim. Die ersten wollten überhaupt keine Schule haben, die anderen fochten am stärksten den Religionsunterricht an, der an der Hand der mendelssohnschen Tora-Uebersetzung und -Erklärung von rationalistisch eingestellten „Deutschen" erteilt wurde. Nach dreijährigem Kampfe mußte Tugendhold, der die Seele der Schulen war, weichen. Der Religionsunterricht wurde gänzlich abgestellt und durch angewandte Geometrie ersetzt, Tugendhold seines Amtes als Schulaufseher enthoben und zum Sekretär des Zensurkomitees ernannt. Der Amtswechsel kränkte den jungen Mann anfangs ungeheuer, schmälerte aber bei Weitem seinen Einfluß und Ruf unter den fortschrittlichen (deutschen) Juden nicht, eiferte ihn auch zu weiterer literarischer und sozialer Arbeit im Sinne des Fortschrittes an. So veröffentlichte er mehrere apologetische und religiöse Schriften in polnischer, hebräischer und deutscher Sprache, und im Herbst 1827 besorgte er die Uebersetzung von Mendelssohns Phädon, den er nach Genehmigung des Zensors im April 1828 drucken konnte. Die Mittel wurden im Subskriptionswege gesammelt und eine weitläufige Liste von Pränumeranten belehrt uns über die Männer, die für das Werk und seinen Verfasser Verständnis hatten. Es sind zumeist Polen vom höchsten Adel, wie z. B. der Erzbischof von Warschau, Woronicz, Staatsminister Grabowski, Finanzminister Lubecki, Staatsratspräsident Graf Zamojski, der berühmte Schriftsteller und Staatsmann Niemcewicz, Fürst Czartoryski, Graf Potocki, der russische Senator Nowosilzoff, Fürst Galizin usw. Aus der geringen Zahl der jüdischen Pränumeranten sind hervorzuheben: der gelehrte Mathematiker und Talmudist Abraham Stern, einziges jüdisches Mitglied der polnischen Gelehrtengesellschaft in Warschau, der Gutsbesitzer Posner, der auf seinem Gut Kuchary Juden ansiedelte, Bergson (der Großvater des Philosophen Henri Bergson), Lippmann Lewite, Gutsbesitzer in Plock, die deutschen Juden: Bettelheim, Landau, Martin 7) Z dziejöw Gminy Starozakonnych w Warszawie. Waiszawa 1907 pg 93. Die Personalakten Tugendholds im Archiv für Bildung in Warschau (Archiwum Oswiecenia) in den Fascikeln des Rabbinerseminars, wie auch in der Svnagogenbibliothek in Warschau. 8) Eine unvollständige Bibliographie der Werke und Aufsätze Tugendholds. siehe Nußbaum : Szkice z historii Zydöw w Warszaiwe. Warszawie 1880 S. 134—5. 264