Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Drei ungenannte Empfänger Mendelssohnscher Briefe
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2259275-2259276-2259280-2260016--2650-2260115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bruno Strauß. Drei ungenannte Empfänger Mendelssohnscher Briefe Es ist ohne weiteres klar, daß der Adressat des Briefes in dem engeren Freundeskreise des Philosophen Hemsterhuys gesucht werden muß. Bis vor kurzer Zeit war nun aber den zahlreichen Arbeiten über Hemsterhuys der Nachlaß des stark nach Deutschland wirkenden Philosophen, der mit einer irrationalen Grundauffassung doch auch Elemente des Rationalismus verband, nicht zugänglich. Erst dem bedeutenden und inhaltsreichen Werke von L. Brummel (Frans Hemsterhuys. Een Phiiosofenleven, Haarlem 1925) standen die reichen Briefschätze zu Gebote, die sich in der Hinterlassenschaft der Fürstin Gallitzin, der nahen Freundin von Hemsterhuys, erhalten haben. Und hier findet sich auch die Lösung unseres Rätsels. Der Empfänger des Mendelssohnschen Briefes ist Peter Camper (1722—1789), der gefeiertste Anatom seiner Zeit, Mediziner und Chirurg, aber auch ein vortrefflicher Kenner der bildenden Kunst, wie er auch selbst den Zeichenstift mit Meisterschaft handhabte, ein Mann, der die gesamte Naturwissenschaft seines Zeitalters beherrschte und förderte, einer der größten Gelehrten des 18. Jahrhunderts überhaupt13). Es ist kennzeichnend für die internationale Bedeutung dieses Mannes, daß Goethe, als er seine berühmte Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen gemacht hatte, im September 1785 — ganz wie Mendelssohn 5 Jahre zuvor — eine handschriftliche Darstellung seines Fundes ins Lateinische übersetzen und durch die Vermittlung Mercks, der mit dem holländischen Gelehrten in eifrigem wissenschaftlichem Briefwechsel stand, an Camper als ersten übersenden ließ. Von diesem Professor Camper, der seit der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Leiden in engstem Freundschaftsverhältnis zu Hemsterhuys stand, berichtet Brummel in seinem genannten Buche (S. 268) auf Grund des noch unveröffentlichten, von ihm aber benutzten Briefwechsels zwischen Hemsterhuys und Camper: „Zoo overhandig Camper hem in 1783 eenige in het Latijn gestelde, van 6. Januari 1781 gedagteekende opmerkingen over zijn philosofie van Mendelssohns Hand." Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß mit diesen „opmerkingen" Mendelssohns die dem Briefe an „einen holländischen Gelehrten" beigefügte, für Camper und Hemsterhuys bestimmte Abhandlung gemeint ist. Und ebenso zweifellos ist es nunmehr, daß Camper der Adressat des fraglichen Briefes ist. Ja der glückliche Zufall giebt uns sogar das genaue Datum des Mendelssohnschen Briefes in die Hand: er ist vom 6. Januar 1781 datiert, ein Datum, das also die Herausgeber der Ges. Sehr, schon annähernd richtig erschlossen hatten. Warum allerdings Camper die Sendung Mendelssohns mehr als zwei Jahre zurückgehalten hat, bleibt unerklärlich. Dagegen haben mich Briefauszüge, die ich der liebenswürdigen Hilfsbereitschaft von Herrn 13) Vgl. über ihn Biograph. Lexicon der hervorrag. Aerzte hrg. v. Hirsch I 651 ff. (1884); über seine Beziehungen zu Goethe Zeitlers Goethe-Handbuch I 209. 253