Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Drei ungenannte Empfänger Mendelssohnscher Briefe
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 4)
- Language
- German
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Bruno Strauß. Drei ungenannte Empfänger Mendelssohnscher Briefe Visionairs und Fanatikern war, welche drey Eigenschafften in einer gewissen Verwandtschafft mit ein ander stehen, so bestimmten Sie den Unterscheid derselben und ihre Gradation so genau und deutlich, daß mir sogleich ein Licht aufgieng, welches sich aber nachher, da ich die Begriffe für mich selbst ordnen wollte, wieder verdunkelt hat. Wäre es zu unbescheiden, wenn ich Sie bäte, mir es nur mit ein paar Worten aufs Papier zu setzen? Ich hoffe von Ihrer Gütigkeit einen geneigten Ausspruch, würde auch meine Bitte persönlich angebracht haben, wenn nicht ein seit ein paar Tagen zugestoßenes Halsweh mir das Ausfahren verböte. Ich nehme also meine Zuflucht zur Feder, und ergreife zugleich die Gelegenheit, Sie, mein geehrtester Herr Moses, meiner wahren Hochachtung und Ergebenheit zu versichern. Berlin, d. 6. Febr. 1775. RF Graf zu Lynar. Somit ergibt sich für die Entstehung der Mendelssohnschen Abhandlung über die Begriffe „Enthusiast, Visionär, Fanatiker" wie über den Adressaten des Briefes vom 12. Februar 1775 völlige Klarheit. Seit der „Phädon"-Zeit stand Graf Lynar in freundschaftlichen Beziehungen zu Mendelssohn wie auch zu dem Philosophenkreis, der Mendelssohn umgab3). Als die auf gewöhnlichem Schwindel beruhenden Geisterbeschwörungen eines gewissen Schröpfer4) Aufsehen erregten und der Leipziger Theologie- und Philosophieprofessor Christian August Crusius in einem Aufsatze „Bedenken über die Schröpferschen Geisterbeschwörungen" äußerte, da rief der lebhaft interessierte Graf das Urteil seiner Berliner philosophischen Freunde5) an, vor allem das Mendelssohns. Auf die „sehr gründlichen Gedanken", die Mendelssohn dem Crusiusschen Aufsatze widmete und die sofort im 1. Stück des 26. Bandes der Allgemeinen Deutschen Bibliothek 1775 im Druck erschienen (Ges. Sehr. 4, 1 S. 561—564), geht der Dank Lynars in seinem Briefe vom 6. Februar 1775. Der Besuch, bei dem Mendelssohn diesen seinen Aufsatz Lynar überreichte, führte zu einer mündlichen Unterhaltung über die aufgeworfenen okkulten Probleme, und in sehr begreiflichem Gedankenzusammenhang einer Betrachtungs- 3) In einem (ungedruckten) Briefe des Mendelssohn nahe befreundeten Philosophen Joh. Aug. Eberhard an Nicolai vom 6. Dec. 1773 z. B. spricht dieser von einem „Concept von meiner Antwort an den Grafen v. Lynar", das Nicolai etwa noch habe; und am 27. Januar 1775 erhält auch er die Drucksachen in der Angelegenheit Schröpfer—Crusius: „Ich soll mir von HE Moses die Elation von Schrepfer nebst Crusius Bedenken abfordern lassen. Wollen Sie das wohl in meinem Nahmen thun lassen, und Ueberbringer dieses mitbringen" (an Nicolai; ungedr.) — Zollikofer, der Leipziger deutsch-reformierte Prediger, Mendelssohn gleichfalls in Freundschaft verbunden — durch seine Hand gingen 1770 im Streite mit Lavater fast alle Schriftstücke des streitbaren Schweizers — schreibt am 21. August 1773 an Garve (Briefw. zw. Garve u. Zollikofer, Breslau 1804, S. 09): „Ich habe diesen Sommer den Grafen Lynar, ehemaligen Staatsminister, kennen lernen, und da ist mir die Idee wieder sehr lebhaft geworden, daß ein geschäftiges Leben in einem erhabenen Stande die Seelenkräfte des Menschen weit besser entwickelt und ihn selbst bey mittelmäßigen Gaben zu einem weit höhern Grade der physischen und moralischen Vollkommenheit führen kann, als er bey weit größeren Gaben auf seiner Studirstube würde erreicht haben." *) Ueber ihn vgl. Nicolai in der Allg. Deutsch. Bibl. Bd. 26 (St. 1), S. 272 ff. und Dessoir, Geschichte der neueren deutschen Psychologie 1. Bd. 1894 (1. Aufl.) S. 406 Anm. 5) Er wandte sich auch an Eberhard; vgl. Anm. 3. 248