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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 247

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 3
Article
Drei ungenannte Empfänger Mendelssohnscher Briefe
Date
1929-01-01
Page
Seite 247 (sequence 3)
Language
German
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Bruno Strauß. Drei ungenannte Empfänger Mendelssohnscher Briefe Hoym seinen Ehrenplatz in der Biographie Moses Mendelssohns, mit dem er wohl kaum je eine Berührung gehabt hat. Der wirkliche Adressat des Briefes wie der Abhandlung ist Rochus Friedrich Graf zu Lynar, Königlich Dänischer Statthalter der Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst, der in der Geschichte vor allem bekannt ist als Vermittler der mehr berüchtigten als berühmten Convention von Kloster Zeven (1708—1781). Damals allerdings, als der weitgespannten geistigen Interessen offene und auch selbst als Schriftsteller tätige Mann in Verbindung mit Mendelssohn trat, hatte er bereits seinen Abschied aus dem dänischen Staatsdienst genommen und war in die niederlausitzische Heimat übergesiedelt, nach Lübbenau, dem Stammsitz der Familie, der auch heute noch in den Händen seiner Nachkommen ist. Graf Lynar gehört zu der großen Schar jener Männer, die sich Mendelssohn durch seinen „Phädon" in Freundschaft gewonnen hat. Zwar war ihm die philosophische Methode, deren sich dieses Werk bediente, nicht sehr sympathisch, aber er versäumte es doch nicht, bei seinem nächsten Besuche in Berlin den Verfasser dieses ungewöhnlichen Buches kennen zu lernen2). Und ohne daß wir darüber Genaueres wüßten, darf man wohl behaupten, daß sich aus diesem ersten Kennenlernen ein eifriger, auf gegenseitigem Gedankenaustausch und gegenseitiger Wertschätzung beruhender freundschaftlicher Verkehr entwickelte. Selten mag Lynar Berlin besucht haben, ohne den jüdischen Sokrates in eine philosophische Unterhaltung zu ziehen. Zeugnis dafür ist gerade jene Abhandlung über die Begriffe „Enthusiast, Visionär und Fanatiker", die aus einem solchen freundschaftlich-philosophischen Gespräch der beiden Männer entstanden ist. Ein glücklicher Zufall hat uns in dem Nachlasse Mendelssohns einen bisher unbekannten Brief des Grafen Lynar aufbewahrt, der die letzten Zweifel über den Adressaten des Mendelssohnschen Briefes vom 12. Februar 1775 löst und uns einen sehr interessanten Einblick in den Umgang des Grafen mit dem Berliner Schutzjuden und Philosophen gewährt. Er ist datiert vom 6. Februar 1775 und lautet: Mein werthester Herr Moses; Die sehr gründlichen Gedanken, so Sie mir über den Crusiusschen Aufsatz mitgetheilet, sind für mich ein recht schätzbares Geschenk. Ich habe aber noch etwas auf dem Hertzen. Als Sie mir das Vergnügen Ihres Besuches gönneten, und die Frage von Phantasten, 2) Vgl. hierzu die Monographie von G. Jansen, Rochus Friedrich Graf zu Lynar, Oldenburg 1873, bes. S. 126 f. Jansen stützt sich bei seinen Mitteilungen über die Beziehungen Lynars zu Mendelssohn hauptsächlich auf einen Briefwechsel, den Graf Lynar seit seinem Scheiden aus Oldenburg bis zu seinem Lebensende mit einem Oldenburger Freunde, dem Canzleirat Zachariessen, unterhalten hat. Diese Briefe Lynars, die zweifellos interessante Nachrichten über seinen Umgang mit Mendelssohn wie auch nicht unwichtige Ansichten und Meinungsäußerungen Mendelssohns enthielten, sollen nach den Angaben Jansens (S. 104 Anm.) im Original an die Familie zurückgegeben worden sein, während Abschriften und Auszüge daraus, die der Empfänger genommen hatte, nach mannigfachen Schicksalen in die ehem. Großherzogl. Bibliothek in Oldenburg gelangt sein sollen. Aber leider sind sowohl Original wie Abschriften heute verschollen. Nachforschungen, die in Lübbenau wie in Oldenburg nach dem Verbleib der Briefe angestellt wurden, blieben ergebnislos. 247

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