Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 16)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels Herders „Geist der Ebräischen Poesie" auch geschrieben6i): „Ich finde alles in demselben außer Christus, und ich finde nichts in der jüdischen Religion, wenn man ihr Christus nimmt". Johannes von Müller hat leidenschaftlich auf Seiten Jacobis an dem Spinozastreit teilgenommen und doch objektiv ähnlich wie Matthias Claudius, erkannt: „Es ist doch ungemein auffallend, daß selbst er (Mendelssohn) die Unzulänglichkeit der Speculation fühlte" 6ä). An diesem Geist und an Sailers66) unbestechlichem Sinn für alles, was sich zu seiner Zeit an echten und eigentümlichen geistigen Kräften regte, wird sich auch die geistesgeschichtliche Situation von M. weiter klären. Es wird sich an dem Verhältnis der Beiden zu M. herausstellen, daß der Begriff „Aufklärung" für die tiefere Erkenntnis ihrer angeblichen Vertreter genau so unbrauchbar ist wie der Begriff der „Romantik". Johann Michael Sailer, der mit 30 Jahren, als die „Kritik der reinen Vernunft" (1781) erschien, schon „pensionierter" Dogmatik-Professor der Universität Ingolstadt war und als Bischof von Regensburg 1832 die Augen schloß, hat als einziger katholischer Theologe seiner Zeit die Verbindung mit der allgemeinen deutschen Kultur hergestellt und zeitlebens aufrechterhalten. Er hat sich mit dem Vernunftglauben M/s am eigenartigsten auseinandergesetzt. „Mit Sailer erscheint ein neuer Typ katholischer und christlicher Frömmigkeit". Auch Sailer hatte wie M. bis heute unter der Ungerechtigkeit einer Identifizierung mit der „religionsfeindlichen Aufklärung" zu leiden. Und doch ist an seine Ideen in Wahrheit die religiöse Erneuerung des Katholizismus geknüpft. „Vor dem Stolz des Wissens ist er nicht zurückgetreten, sondern hat seinen Ansprüchen auf den Grund gesehen; keiner Idee ist er furchtsam zur Seite ausgewichen .... besonnen und ruhig .... hat er, wenn auch bisweilen verkannt, in Einfalt und Liebe wie die Geister so die Herzen sich bezwungen". M. war ein echter Geistesverwandter Sailers. Das reiche verzweigte Werk dieses Kirchenfürsten und Ketzers, besonders die bevorstehende Sammlung seines ungewöhnlich ausgedehnten Briefwechsels mit den Besten der Zeit, wird mit das wahre Wesen M/s enthüllen helfen. Nicolai67) hat ihn ganz mißverständlich den „katholischen Lavater" genannt. Bis jetzt findet man — bei Kayserling68) — nur Sailers Lehrer und Meister, den Exjesuiten Benedict Stattler69) erwähnt, nur beiläufig als Unbekannten aus dem „Troß" der Angreifer von M/s „Jerusalem". Mehr als der Namen Stattler und der Titel seines Kampfbuches „Wahres Jerusalem" (1787) wird nicht genannt. Und doch wird Stattlers gegen M. gerichtete Apologie des christlichen Staates im Zusammenhang mit den Schriften Sailers der künftigen, geistesgeschichtlich gerichteten M.¬ Forschung den würdigsten und ergiebigsten Gegenstand bieten. J) O. Walzel, Deutsche Dichtung von Gottsched bis zur Gegenwart (im Handbuch der Literatur-Wissenschaft) Bd. I, S. 94; S. 193 f. über M. anläßlich Goethes Prometheus und Lessings Nathan; S. 152ff. über Hamann. 2) Albert Köster, Die deutsche Literatur der Aufklärungszeit, herausgegeben von Julius Petersen. Heidelberg 1925, S. 212 ff. 3) Erich Schmidt, Lessing. 4. A. Berlin 1923, besonders Band I, S. 249 ff. 228