Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 226

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 3
Article
Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
Date
1929-01-01
Page
Seite 226 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2259275-2259276-2259280-2260014--2621-2260088
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Ludwig Feuchtwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels Denn diesem Geist kommt alles auf die Untrüglichkeit des streng objektiven, unveränderlichen Gotteswortes an. Wer dieses Wort nicht annimmt, ist unweigerlich ausgeschlossen aus dem um das Heil gescharten Volk Gottes und damit aus der Kirche und aus dem christlichen Staat. Das persönliche religiöse Leben für sich, „das Fühlen der Seele" ohne absolute Bindung an das geoffenbarte Wort ist nach dem Geiste Luthers Verbrechen und Schwärmerei. Seit dem radikalen Pietismus und seit Voltaire bis heute — Hermann Cohen und Ernst Cassirer eingeschlossen — hat man diese „starren" Züge der lutherischen Religion, die den autonomen neueren Menschen nicht liegen oder unverständlich sind, dem „Mittelalter", dem Katholizismus zugerechnet. In Wahrheit bedeutete die Reformation eine viel stärkere Bindung an das unveränderliche „Wort Gottes" als der Katholizismus an die christliche Lehre. Paul Wernle hat in seinem epochemachenden Werk über den schweizerischen Protestantismus im 18. Jahrhundert klar auseinandergelegt, wie die vernünftige Orthodoxie im unbewußten Abfall von Luther mittels der Leibniz'schen Philosophie, der folgenden Aufklärungsbewegung Vorbereitungsdienste tat und später in die idealistische Philosophie einmündete. Hier ist die Position Mendelssohns. M. bediente sich jedoch — ohne sich des Woher und Wohin bewußt zu sein57) — der Philosophie von Leibniz und Locke in den seichteren Woiffschen Formen nur als schützender Hülle, um der Zersetzung der religiösen Formen des Judentums bei der geforderten bürgerlichpolitischen Vermischung der Juden mit der Umwelt vorzubeugen. Er kapselte das Wesentliche des Judentums, die Pflichtenlehre, seine Lebensordnung, die es zusammenhielt, künstlich ab, indem er sie zu dem höheren Zweck ihrer Konservierung philosophisch unscheinbar machte, als „Ceremonialgesetz" etikettierte und sie, als außerhalb der Vernunft stehend, als sakrosankt aus der philosophischen Debatte ausschied. M. verwandelte aber letzten Endes doch das Judentum, ohne es zu wollen, ebenso von Grund auf in ein ethisches Kulturjudentum, wie die idealistische Philosophie das Luthertum in den humanistischen liberalen Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts. Schließlich sahen sich Judentum und Protestantismus zum Verwechseln ähnlich. M/s Absicht, ohne Veränderung des religiösen Gehalts, unter strikter Wahrung der Gesetzestreue, die Juden in die abendländische Kultur einzuordnen, mißlang, weil die alte dogmatische Lebensordnung, das ist in Wahrheit das so unverfänglich klingende „Ceremonialgesetz", mit dieser Einordnung weder praktisch noch der Idee nach in Einklang zu bringen war. Entweder die alte Lebensordnung oder die neue Einordnung mußte bei Verwirklichung der M/schen Forderung in die Brüche gehen. Diese Spannung ist bis heute ungelöst. In Herders Wandlung von der dialektischen Theologie seiner Bückeburger Jahre zu seinem leibnizisch aufgefaßten Spinozismus in den fünf Gesprächen über Gott von 17875S) verkörpert sich die Drehung vom alten offenbarungsgläubigen Christentum zum autonomen Denken und zur autonomen Ethik; in der Tat ist in dieser idealistischen Philosophie die Verbindung zum Christentum und zur Reformation 226

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.