Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2259275-2259276-2259280-2260014--2620-2260087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Feuchtwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels niges Wort!) der Zeit, aller Zeiten, über ihn kam — als den „pfiffigen Ebräer, mit dem kein ehrlicher Christ auskommt", abtat. Wir sehen in Herder heute nicht mehr hauptsächlich, wie es noch Haym und Kühnemann taten, den Verfasser der „Ideen", den pantheisierenden, die Religion humanisierenden, zwischen Kultur und Religion vermittelnden „liberalen" Denker, den Kulturprotestanten, der das Christentum relativiert, sondern den Verfasser der bis jetzt in den Winkel gedrückten theologischen Werke der späteren Bückeburger Jahre. Innerhalb der neuesten gründlichen Spezialuntersuchungen über Herder — Wedels Studie über den Kritiker Herder und die wichtigen Erkenntnisse daraus für das kunstkritische Schaffen M/s sind oben berührt worden — ist zuletzt der Religion und Theologie Herders von Martin Doerne eine prinzipielle, äußerst geglückte Darstellung gewidmet worden54). Der orthodoxe, altlutherische Herder der 70iger Jahre steht damit ganz klar vor uns, und vielleicht lernen wir künftig an ihm auch wieder den Mendelssohn vertrauter kennen, der die Realität der altjüdischen Pflichtenlehre in den Mittelpunkt seiner religiösen Idee stellt, nicht den Wegbereiter des religiösen Liberalismus des 19. Jahrhunderts. Halten wir uns nur an die im dritten Band der „Schriften" vereinigten religiösen Aeußerungen M/s, so sehen wir, daß nirgends die Gedankenlinien der protestantischen „vernünftigen Orthodoxie", wie sie seit Beginn des 18. Jahrhunderts von Leibniz und Locke festgelegt wurden, von M. verlassen sind. In ihrer höchst gefährdeten Lage gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte die protestantische Theologie in das Gewand der „Vernunft"' schlüpfen müssen, um das alte Erbe Luthers für die neue Zeit zu bewahren-und zu schützen. Es bietet einen seltsamen Anblick, wie sich mit Hilfe M/s jetzt auch die jüdische Lehre dieses Gewandes der systematischen Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts bedient. Seltsam zusammenhanglos schlottern die erborgten Kleider um Talmud und Schulchan-Aruch, eine gefährliche Mummenschanz, auf die die ernüchternde Demaskierung erst im 20. Jahrhundert gefolgt ist. Man hat zur Legitimation der „vernünftigen" Religion M/s die arabisch-jüdische Philosophie herangezogen. Ein gefährliches Beginnen ohne Kenntnis der arabischen Philosophie aus den ersten Quellen! Daß die Vereinerleiung des arabisch-jüdischen Rationalismus des Maimonides mit der Metaphysik von Leibniz fehlgeht55), sei hier trotz der hohen Autorität von Ernst Cassirer zu behaupten gewagt. Der Einzelbeweis muß einer subtilen Spezialuntersuchung vorbehalten bleiben. Der nur religionsgeschichtlich (nicht visionär) erfaßbare religiöse Gehalt des Judentums hat weder mit Aristoteles-Maimonides noch mit Leibniz-Mendelssohn etwas zu tun, am wenigsten aber mit dem Geist des philosophischen Idealismus. Dagegen ist der Zusammenhang M/s mit der protestantischen „vernünftigen 'Orthodoxie" ein ganz enger. Von der reformatorischen Position, dem Realismus der altlutherischen Offenbarungsreligion war diese Uebergangstheologie weit abgeglitten56). Die idealistische Philosophie vollends verfälschte den Geist Luthers und der Reformation. 4* 225