Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels darum, den Stoff der 12 Bände von Herder über „Religion und Theologie" mit den Ideen der schmächtigen Gelegenheitsschriften und Bemerkungen im dritten Band der M/schen Gesamtausgabe auf eine Linie zu bringen, das Trennende und Verbindende daraus festzustellen. Der Generalsuperintendent und Hofprediger schrieb gelegentlich des Todes von Lessing in einer melancholisch-romantischen Stimmung aus Weimar an den jüdischen Buchhalter nach Berlin, an den „weisen, unbestochenen, gütigen Mendelssohn", zarte und gute Worte, in denen er sich über M/s andersgeartete und höhere Autorität geistige Dinge zu beurteilen ein schmerzliches Selbstbekenntnis abrang53): „Freilich stehen Sie ungemein freier und reiner als ich in meinem Stande, wo ich so viel tragen, schonen muß . . . Unser armer Erdball dreht sich noch der reinen Sonne so fern, und so abwechselnd in Witterungen und Jahreszeiten, daß wir uns in Meinungen einander nicht quälen oder verfolgen sollten. Auch in verschiedenen Gängen und Irrgängen kommen wir gewiß, früher oder später zu einer Burg der Wahrheit. ......" Der Brief endet: „Da Lessing hin ist, hat Deutschland Sie, wenn Sie auch nur stillwirkender Zeuge sind, vor so vielen andern nöthig". Der Inhalt der M/schen religiösen Schriften rechtfertigt an sich diese Einschätzung nicht. Trotzdem bleibt es evident, daß wir in M. einen homo religiosus reinster Prägung, „unvernünftigster Absurdität" vor uns haben. Der ursprünglichen und trotzdem tiefdurchdachten Art seiner Religiosität kommt vielleicht nur die religiöse und theologische Höhenlage des jüngeren Herder der Bückeburger Zeit gleich. Gewiß, nirgends in Mendelssohns Publikationen ist die Spur zu finden eines Durchdrungenseins von dem irrationellen Unwert der trügerischen Unmittelbarkeit des Menschen von hier und jetzt zu Gott, wie es Hamann und der Bückeburger Herder gefühlt haben. Aus jeder Schrift M/s schwimmt uns vielmehr das milde Licht des rationalen Optimismus auch über die weltlich-überweltlichen Beziehungen entgegen. Aber wer sich einmal eingefühlt hat in den gleichmäßigen frommen Alltag dieser Judenseele, in ihre „stillwirkende Zeugenschaft", weiß zuverlässig wie es Herder selbst an besinnlichen seltenen Tagen vor den Weimarer Jahren ganz genau erfaßt hat: Die Gotteserkenntnis dieses grundvernünftigen stillen Mannes, sein ganzes Dasein besteht in der unwandelbaren Gewißheit von den unübersteigbaren Grenzen alles menschlichen Habens und Seins, besteht in der resignierten gehorsamen Anerkennung des absoluten unergründlichen Seinswillens und vor allem in dem uralten Wissen um die Geschichte seines eignen schicksalgeschlagenen, an Seele und Körper entstellten, „auserwählten" Volkes, in der aus dieser Blutsgemeinschaft stammenden unverbrüchlichen Gewißheit von der Unmöglichkeit der rationalen Aufhebung des Lebensparadoxon und von der Nutzlosigkeit des Sich-dem-Schicksalt Entziehens durch Wortflucht und Literatur. Das ist vielleicht die Lösung des Rätsels, warum Herder, der einem Jahrhundert die Gedankenrichtung vorgeschrieben hat, von dem „weisen, unbestochenen, gütigen Mendelssohn" sprach, ihn als dem würdigsten Treuhänder Lessings huldigte und ihn in einem Atem — da der „Geist" (vielsin- 224