Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 11)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels gatha und Scheblimini" so aus: „Ich habe mich geschämt, da ich Ihr starkes Gefühl vom Geist des Juden- und Christentums mir in die Seele sprechen hörte. Das ist der reine alte Glaube, den Sie schildern; oder es giebt keinen". Und zwei Tage vor dem Tod M/s47) in der Jacobi-Affäre: „Mendelssohn ist zu alt und ein zu classischer Philosoph der Deutschen Nation und Sprache, daß er sich belehren ließe und ein zu pfiffiger Ebräer, als daß ein ehrlicher Christ mit ihm auskäme. In seinen Morgenstunden hat er unseren Jacobi auf eine so listige Art den blanken Hintern gezeigt und seinen Schatten von Lessing, (denn es ist gewiß nicht Lessing selbst, den er da als den matten Hirsch etc. etc. vormahlet) aus dem Gefecht zu bringen gesucht, daß er durch diese Vorrückung der Steine schon gewonnen hat .... Es ist sonderbar, daß in dem alten Mann der versteckte Haß gegen die Christen von Tag zu Tag mehr hervortreten scheinet: denn allenthalben bringt er, wo mit der eiskalten Wolf. (Mod.) Wortphilosophie nicht weiter auszukommen ist, die Christen als gebohrne oder wiedergebohrne Schwärmer ins Spiel und mit dieser geheimen bittersten Intoleranz ist alles Disputieren am Ende". Später in dem berühmten Stück der Adrastea „Bekehrung der Juden" *8) hat Herder der Judenfrage seiner Gegenwart (also um 1800) ein herrliches ideenreiches Bekenntnis gewidmet, das man nicht mit den Augen eines enttäuschten, keinen Unterschied findenden Liberalen des späteren 19. Jahrhunderts lesen darf. „Feines scharfsinniges Volk, ein Wunder der Zeiten! Nach der genialischen Glosse (zu 1 Mos. 33,4) eines seiner Rabbinen liegen Esau und Israel einander weinend am Halse; beide schmerzt der Kuß, aber sie können nicht auseinander"49). Die Argumente aus Mendelssohns „Jerusalem" von der absoluten Verbindlichkeit des Ceremonialgesetzes für den Juden werden von Herder deutlich, zwar ohne Zitierung, aber fast wörtlich übernommen, jedoch nicht zum Beweis der Richtigkeit von M/s Forderung der Toleranz und Gleichberechtigung, sondern zum Erweis des Gegenteils. „Die Religion der Juden ist, wie sie selbst sagen, ein Erbstück ihres Geschlechts, ihr unveräußerliches Erbtheil. Nur der Gott ihrer Väter, der ihnen diese Gebote auferlegte, (meinen sie) kann sie ihnen entnehmen, und zwar nicht anders als durch einen so feierlichen Act, als die Gesetzgebung am Sinai selbst war. Das Volk ist und bleibt also auch in Europa ein unserm Weltteil fremdes Asiatisches Volk"50). Das folgert Herder aus Mendelssohns These: „Was Gott gebunden hat, kann der Mensch nicht lösen", während M. daraus die Trennung von Staat und Kirche und das notwendige Eigenrecht der jüdischen Religionsgemeinschaft bei voller Gleichbehandlung mit der christlichen abgeleitet hatte, was von Herder gleich bei Erscheinen von „Jerusalem" in einem Brief an Mendelssohn51) mit einem achselzuckenden Bedauern als Utopie abgetan worden war. Eine abgerundete Konfrontierung der theologisch-religiösen Grundansichten M/s mit denen Herders dürfte sich nicht auf die Idee der Religion bei beiden Denkern beschränken, in der Art etwa wie Ernst Cassirer jüngst Lessing mit M. verglichen hat32). Es geht auch nicht 4 223