Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 10)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger. Das ßild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels darin bestand, sich wie keiner in fremde Seelen aller Zeiten und Völker zu versetzen, so befähigte M. jüdisches Erbgut und Schicksal, in seinen Kritiken regelmäßig, beharrlich, gerecht, schlicht, vorsichtig-rational, nicht willkürlich, rhetorisch, subjektiv, fremdes Denken und Fühlen abzutasten, klug und fein zu analysieren oder bewußt zu verstummen, wenn auf den kühlen Pfaden der Kunstregel und der Vernunft elementaren Kräften in einer Kunstleistung oder den echten Aeußerungen eines Volkstums im Lied, der Dichtung, in der religiösen Urkunde nicht beizukommen war. Hier noch einiges zur sonderbaren gegenseitigen Grundhaltung der beiden Gestalten und zu den religiösen-theologischen Kontrasten, zur Bestätigung der These vom verschiedenen Erdreich und der Inkommensurabiiität der Persönlichkeiten, um die es hier geht. Von der Debatte Herders mit Mendelssohn über die Unsterblichkeit Ende der 60iger Jahre über die persönliche Begegnung in Pyrmont) fünf Jahre später bis zu Herders Urteil im Spinoza-Streit am Lebensende Mendelssohns sind die eigentümlichen und schwankenden Beziehungen der Beiden eben so oft beurteilt wie gründlich mißverstanden worden42). Mit der Alternative Abneigung gegen die Juden oder Zuneigung zu ihnen geht die Deutung der vor uns ausgebreiteten gegenseitigen Aeußerungen im vornherein fehl. Mendelssohn sah vollkommen klar und instinktsicher, als ihm Herder trotz seiner hohen Einschätzung des Phädon in Pyrmont aus dem Weg ging. M. teilte später seine Empfindungen darüber Herder unverhohlen mit43): „Je näher in Lehre, desto entfernter im Leben. Diese Sprache hat mir so mancher rechtschaffene Mann in Ihrer Lage zu verstehen gegeben, daß sie mich an Ihnen nicht befremdet"; er schreibt diese zwar weltkluge, aber wenig noble Attitüde seiner eigenen „bürgerlichen Lage" zu: „Diese bedarf allezeit mehr passive als active Herablassung". Und genau so offen schreibt er44) an Herder bei der Uebersendung der Pentateuchübersetzung (als Gegengabe für Herders „Offenbarung Johannis"): „Auch ich habe Kinder, die ich erziehen soll. Zu welcher Bestimmung? ob im Sachsengothaischen bei jeder Durchreise ihren Jüdischen Kopf mit einem Würfelspiel zu verzollen oder irgend einen kleinen Satrapen das Märchen von den nicht zu unterscheidenden Ringen zu erzählen, weiß nur der, der uns all unsere Pfade vorgemessen". M. macht sich also trotz seiner Freundschaft mit den Großen und Weisen seiner Zeit keine Illusion; sein Gleichmut, sein inneres Wissen um die Eitelkeit des literarischen Betriebes, um die tiefe Artverschiedenheit, die ihn von seinen christlichen „Freunden" trennt und über die keine Gleichheit der philosophischen Theorien hinweghilft, seine Großmut und seine verzichtende Klugheit, alles das macht ihn im höheren Sinn zum Sieger und zum Ueberlegenen, allerdings nicht philosophisch-literarisch. Denn der größere Schriftsteller bleibt Herder. Herders wahre Meinung über M. kommt in seinen intimen Briefen an Hamann zum Ausdruck. Man halte gegeneinander, was Herder an M. über „Jerusalem"4ä) und an Hamann über „Golgatha" 46) schreibt, und man zweifelt nicht mehr, in welchem Lager er steht. An Hamann läßt er sich über „Gol- 222