Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 9)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels geistigen, wissenschaftlichen Lebens die Geleise für die rollende Entwicklung der kommenden Menschenalter festlegte"37). Von Herder geht eine schöpferische Umwälzung aus, ohne daß wir uns bei Begegnung scheinbar neuer geistiger Entdeckungen jedesmal seines Namens bewußt werden. Mendelssohn war als deutscher Schriftsteller mit all seinen so oft herausgestellten ästhetischen und kritischen Verdiensten eine Modegröße wie etwa Garve und Abbt, als Jude dagegen mit seinem eigenen noch ganz geschlossenen Volkstum aufs innigste — ganz wortlos — verwachsen, als Führer aus dem geistigen und politischen Ghetto von überwältigender, sprengender Wirkung. Die Verteilung dieser Doppelrolle ist im 19. Jahrhundert bis heute aus einer leicht begreiflichen Tendenz verwirrt worden. Die Begegnung Herder-Mendelssohn, vorurteilslos von allen Seiten betrachtet, stellt die eigentliche, in ihrer Art großartige geschichtliche Bedeutung M/s wieder nach den wirklichen Vorgängen heraus. Nach der ästhetisch-philosophischen und literarhistorischen wie nach der theologischreligiösen Seite sind heute neue Feststellungen möglich. In seinen Ratschlägen an junge Theologen hat Herder den Mendelssohn'schen ästhetischen Schriften ganz unbefangen die richtige Stelle angewiesen: „Mich dünkt der schöne Ton, der in Mendelssohns Briefen über die Empfindungen herrscht, ist ein jugendlicher glücklicher Nachhall des englischen Philosophen" (gemeint ist Shaftesbury)38). Ueber M. als Kritiker hat eine neueste Arbeit von Max Wedel aus der Schule von Petersen und Roethe neue Ergebnisse gefördert33), die zunächst einmal beweisen, daß M. auch als Kritiker nicht der verschrieene Rationalist war, der dem Genie schwache und dürre Satzungen vorschrieb. Vielmehr verstand M. schon sehr einfühlend das Individuum „mit seiner Einmaligkeit, seinem Irrationalismus und seinen unbegreiflichen Gefühlskomplexen". Die Exaktheit, mit der Wedel Mendelssohns und Herders Anteil an der Rezension von Ramlers Oden in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek im Gegensatz zu den Annahmen Suphans vorgenommen hat40), gewährt jetzt eine tiefe Einsicht in die verschiedene Art, in der Herder und M. ihr Kritikeramt ansahen. Es mag richtig sein, daß man die „Abstrahierende Kritik der Uebergangszeit" bei M. nicht so schulmäßig von der „Erlebniskritik" Herders scheiden kann, weil Kritik im 18. Jahrhundert nicht einen sorgfältig abgrenzbaren Tätigkeitsbereich bedeutet, sondern Grundstimmung der aufklärerischen Lebenshaltung überhaupt, philosophische Kontrollinstanz des universalen geistigen Zusammenhangs ist*1). Es ist ferner richtig, daß bloße Belege bei dem ungeheuren Umkreis des Herder'schen Schaffens in den drei Epochen noch nicht Erweise eines spezifischen Stils, etwa des Stils der Erlebniskritik oder ganz allgemein einer spezifischen geistigen Haltung im Gegensatz zu der M/s sind. Die Wedelschen exakten Distinktionen, die aber natürlicher Weise die großen ineinander flutenden Zusammenhänge künstlich zur Erstarrung bringen müssen, machen uns jedenfalls vollständig sicher in der aus noch viel unmittelbareren Quellen gerechtfertigten Deutung der geistigen Gestalt M/s. Wenn Herders vielgerühmtes angeborenes einmaliges Genie 221