Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2259275-2259276-2259280-2260014--2615-2260082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Feuchtwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels vernünftigen Orthodoxie"35) hergeholt; dazu gehört insbesondere die Lehre von den drei Wahrheiten, von dem Fehlen der Glaubensartikel, eines Dogmas oder Zwanges im Judentum, die Definition des „Ceremonialgesetzes", endlich die Anweisung sich in die Sitten des Landes zu schicken, also „zween Herren in Geduld und Ergebenheit zu dienen". Daß diese höchst anfechtbaren Theorien und Anweisungen später zur Hauptsache, zur Schullehre des im 19. Jahrhundert in Europa zur Herrschaft gelangten Judentums gemacht wurden, dafür ist Mendelssohn nicht verantwortlich. Der noch zu leistende Neuaufbau der geistigen Gestalt Mendelssohns wird aus dem Kontrast zu der ragenden uns in den letzten Jahren so nahe gerückten Gestalt Herders, seiner gesamten geistigen, namentlich religiösen Stellung in seiner Zeit die wichtigsten Aufbauelemente herholen müssen. Die Grundlinien dieses Gegensatzes seien hier in der nötigen Kürze gezogen30). Zwischen Goethe und Herder zerriß im Jahre 1796 eine Weltanschauung in zwei Stücke, nachdem sich in den beiden Persönlichkeiten zwei sich ausschließende deutsche Kulturtypen scharf ausgeprägt hatten. Das war in den Beziehungen Mendelssohn-Herder unmöglich, weil beide nicht auf gleicher Ebene miteinander umgingen, einander nicht als gleiche Menschen beurteilten und sahen. M. war in den Augen Herders genau so wie in denen Goethes, im Grund genommen bloß eine interessante Abnormität, trotz aller uns immer wieder begegnenden vornehmen Einhaltung der persönlichen Achtungsformen in Wirklichkeit nicht mehr als eine Kuriosität des damaligen Welttheaters. Das beispiellos geschlossene harmonische starke Einzelwesen Moses Mendelssohns mit den friedliebenden, fast ängstlichen Zügen war für die beiden wie für die damaligen gebildeten Deutschen, ja Europäer insgesamt, eine fremde unzugängliche Welt, trotz der gleichen sprachlichen Ausdrucksformen und des gleichen Gesprächthemas. Es wäre menschlich ungerecht und wissenschaftlich eine Spielerei, Herders find Mendelssohns Schrifttum gegeneinander zu wägen und zu messen. Hier geht es nicht mehr wie bei dem Gegensatzpaar Goethe-Herder um zwei nach Gaben, Schicksal, Temperament, Weltverhältnis und Leistungen von einander abstechende Persönlichkeitstypen, sondern um zwei Menschen von verschiedenen Planeten, mit verschiedenem Wurzelstock, von verschiedenem Stoff, trotz der allgemeinen Tendenz der Zeit, deren Strom beide trug. Deshalb könnte auch eine erschöpfende Vergleichung der philosophischen, ästhetischen, literaturkritiscrien, sprachkünstlerischen und theologischen Seite des Schrifttums von Herder und Mendelssohn zur Wesensermittlung der beiden Köpfe relativ wenig beitragen, obwohl diese Arbeit sehr dringend ist. Denn Herder war, das stellt sich jetzt mehr und mehr heraus, der eigentliche Schöpfer der deutschen Bildung, des modernen geschichtlichen Denkens, „der Befreier und Verkünder des anonymen Volkes", das heißt der Entdecker der Volkstumslndividualitäten überhaupt. „Vergeblich würde man nach einem knappen Schlagworte suchen für die unübersehbare gedankliche Schöpfung dieses Mannes, die fast auf jedem Gebiet öffentlichen, 220