Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 7)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels reichte zu der Ahnung aus, daß der sich so spekulativ-abstrakt, vernünftig-moralisch gebärdende Jude, an dessen persönlicher Verehrung es kein Zeitgenosse fehlen ließ, viel stärker als jeder von den souveränen Opponenten selbst mit dem tiefsten irrationalsten Gefühl im Religiösen, in dem starken Glauben an die „Realität" von Bibel und Offenbarung (im Sinne Hamanns) sowie der jüdischen Pflichtenlehre eingebettet war, so sehr auch die Theorien über das Judentum im zweiten Teil von „Jerusalem" darüber hinwegtäuschen. Matthias Claudius, der „Wandsbecker Bothe", der hellste und warmherzigste unter den zahlreichen neugierigen Zuschauern des Mendelssohn-Jacobi-Streits, war der einzige, der den tieferen Sachverhalt von der inneren Unabhängigkeit der Mendelssohn'schen Theorien von Vernunftgründen richtig erkannte. „Herrn Mendelssohns Bekanntschaft ist mir nicht beschieden gewesen", heißt es am Schlüsse der denkwürdigen Rezension von Claudius von 1786 über Mendelssohns Abwehrschrift „An die Freunde Lessings"30); „aber ich habe ihn als einen hellen forschenden Mann mit vielen Andern geachtet; und als Jude habe ich, wie man sagt, ein tendre für ihn, um seiner großen Väter und um meiner Religion willen." Nur eine solche noble Gesinnung machte den wahren Deutschen und christlichen Volksschriftsteller, übrigens im Verein mit Herder, Hamann, Jacobi einen ganz entschiedenen Gegner der „Aufklärung", zu einem schärferen und heilsichtigeren Erkenner der irrationalen Seite von Mendelssohns Wesen als alle anderen gelehrten und ungelehrten, jüdischen und christlichen Beurteiler bis zur Gegenwart. Matthias Claudius ist der einzige Schriftsteller, der in dem Spinoza-Streit die richtige Frage stellt und implicite die richtige Antwort gibt: „Worte thun nichts zur Sache; und um wie viel ist denn in der Sache," das was Herr Mendelssohn sagt, von dem verschieden, was Herr Jacobi sagt?"31) Für Mendelssohn lag eine Relativierung des Glaubens, wie sie von Herders Betrachtung der religiösen Urkunden als Quellen des frommen Erlebens ausging, außerhalb des Bereichs innerer Möglichkeit, weil diese Betrachtungsweise unvereinbar mit seiner Gewißheit von der Absolutheit des Judentums gewesen wäre. Denn in Wahrheit waren seine Beweisgründe gegen die Verabsolutierung des Christentums, gegen den christlichen Staat rein politischer Natur, in einer politischen Kampfschrift für ctfe Juden aufgestellt. Die Hauptthese in „Jerusalem", daß der Jude an das Gesetz, auch an das „Ceremonialgesetz" absolut gebunden sei, und „uns unsere Vernünftelei nicht von dem strengen Gehorsam befreie"32), stürzt in der Tat alles Spekulative, gegen das Hamann so zornig wettert, wieder um. „Die Ehrfurcht vor Gott zieht eine Grenze zwischen Spekulation und Ausübung, die kein Gewissenhafter überschreiten darf"33). Die Darlegungen des Verhältnisses von Religion und Staat im ersten Teil von „Jerusalem" sind nichts anderes als die Wolf fischen Grundsätze des Naturrechts34). Die der staatskirchlichen momentanen Lage der Juden entsprechenden Thesen im zweiten Teil von „Jerusalem" waren zum großen Teil nachweisbar aus der protestantischen „Uebergangtheologie", der sog. 219