Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 5)
- Language
- German
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Ludwig Fmchtwanrer. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels Gesetzestreue nicht erklären. Am meisten machte dieses Gespenst eines vermeintlichen „Pferdefußes des Stockjudentums" 30 Jahre später den bedeutenden Frankfurter Staatsmann und vielseitigen Gelehrten Johann Friedrich von Meyer2*) zu schaffen, der „Golgatha" im Jahr 1818 wieder ausgrub, sorgfältig edierte und mit einer weitläufigen Vorrede versah: „Wir ließen ihm seine Betriemen, wenn er uns nur die unsrigen abbinden half (S. XX). Der Jude, der sein Gesetz hat und hält, so weit möglich, hat einen Stab zum Wandeln in dieser Welt; das sah auch Mendelssohn klug genug ein, aber er machte sich kein Gewissen daraus, dem Christen den seinigen zu nehmen" (S. XXI). Keiner anderen Nation, das ist die tiefe Einsicht Johann Friedrich von Meyers, sei das Irrationale des Glaubens so eingefleischt und eine seichte Vernunftgläubigkeit so innerlich entgegengesetzt wie den Juden. „Zur Zeit, wo die Juden in schwererem Druck waren, waren sie, um das Heiligtum ihrer Thora gesammelt, zufriedener als jetzt. Seitdem sie in das bequeme äußere Leben der Christenwelt eingeflochten sind, wundern sie sich, daß diese noch einen Unterschied machen könne. Ehedem stritten sie für die Wahrheit und Reinheit ihres Glaubens . . . Jetzt ist allerwärts jener Allglaube eingetreten, der . . . auch alles Positive als gleichgültige Gestaltung des Unendlichen, als Gedicht behandelt" (S. XXVII ff.). Die größte Schuld daran habe Mendelssohn. „Schreiben wir denn dieses nun als Feinde der Juden? Wohl keineswegs. Wir wüßtens nicht besser anzufangen, um diese Nation unglücklich zu machen, als wenn wir wünschten, daß Mendelssohns Geist auf ihr beruhen möchte. Hat Mendelssohn die Juden kultiviert, so hat er sie auch geirrt, und in einen unseligen Sandweg geleitet, wo man nicht weiter kommt, und am Ende liegen bleibt und verschmachtet". An diese Sätze hat, seitdem sie vor fast 120 Jahren ausgesprochen worden sind, niemand mehr erinnert. Hier geht es nicht um ihre Richtigkeit oder Irrtümlichkeit, sondern um das grandiose Mißverstehen des Wollens und Denkens M/s durch seine Zeitgenossen. Tatsächlich hat nämlich M. einen ähnlichen, höchst „realistischen" unspekulativen Gedanken, wie Hamann in der oben zitierten Briefstelle von dem bedauernswerten Philosophen, der erst beweisen muß, daß er einen Körper hat und daß es eine materielle Welt gibt, in Bezug auf sein eigenes Judentum mit aller Deutlichkeit schon 1770 in der Bonnet- Lava ter-Affäre ausgesprochen: „Ob ich Vorurtheile für meine Religion habe, kann ich selbst nicht entscheiden, so wenig ich wissen kann, ob mein Odem einen üblen Geruch habe"25). Die Mahnung an die Glaubensbrüder in „Jerusalem": „Schicket euch in die Sitten und in die Verfassung des Landes, in welches Ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft bei der Religion Eurer Väter. Traget beider Lasten, so gut Ihr könnt"26), glaubte M. philosophisch schlüssig begründet zu haben. In Wahrheit suchte M. mittels des „Schlangenbetruges der Sprache unter ebenso verschiedenen als mannigfaltigen Wortgestalten" mittels der Lehrmeinungen der Philosophie, „die nichts als eine alphabetische Schreiberey menschlicher Speculation, und dem wandelbaren 217