Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 4)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels bei Wolff, Sulzer und Mendelssohn einen so langweiligen, vom Wesentlichen der Kunst weit entfernten Hauptbestimmungsgrund des Aesthetischen abgeben müssen, spielt bei Hamann keine Rolle; noch vor Herder weiß es Hamann: „Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts"19). Kunst ist für Hamann der ursprünglichste Ausdruck des inneren Lebens. Davon hat Mendelssohn keine Ahnung. Die weiteste Kluft zwischen den beiden tut sich aber in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit auf. Hier war ein gegenseitiges Verständnis von vornherein nach der verschiedenen Wurzel der beiden Persönlichkeiten ausgeschlossen, und gerade das gegenseitige Mißverständnis verschafft in das grundverschiedene Weltverhältnis jedes der Zwei den tiefsten Einblick. Bei dieser Nebeneinanderstellung lassen sich die alten Schubfächer „Aufklärung" und „Romantik" schlechthin nicht mehr brauchen. Hamann ist Realist, aber in einem scharf umrissenen gläubig-positiven Sinn. „Ich will den Berlinischen Idealismus des Christentums und Luthertums widerlegen durch einen historischen und physischen Realismus. Idealismus und Realismus sind nichts als entia rationis, wächserne Nasen, Christentum und Luthertum sind res facti, lebendige Organe und Werkzeuge der Gottheit und Menschheit20). Seyn ist freylich das E i n und Alles jedes Dinges. Aber das tu ov der alten Metaphysik hat sich leider! in ein Ideal der reinen Vernunft verwandelt, dessen Seyn und Nichtseyn von ihr nicht ausgemacht werden kann. Ursprüngliches Seyn ist Wahrheit, mitgetheiltes ist Gnade"21). Die ganz konkrete Fülle der Wirklichkeit, das Faktum und Perfektum, liegt für Hamann in der Bibel; im Glauben, in dem einfachen Fürwahrhalten des darin Erzählten ist ihm die Wendung von der subjektiven Existenz zum objektiven göttlichen Handeln begründet. Es ist Luthers echter, massiver, orthodoxer Realismus, für den — ohne subjektive und geschichtlich relativierende Erweichung — das Christentum weitab von der Idee der Toleranz einzig gültig ist. An Hamann ist die neuere evangelische dialektische Theologie mit ihrer Kernanklage der idealistischen Philosophie als Verfälschung des Christentums zur Reife gekommen22). In „Jerusalem" und der Gegenschrift „Golgatha und Scheblimini" wird der eben beschriebene Gegensatz von Hamanns Realismus und Mendelssohns „vernünftiger Religion" vollkommen deutlich, aber gleichzeitig auch die absolute Verständnislosigkeit Hamanns und der christlichen Umwelt gegenüber Mendelssohns geistiger Gestalt. Hamann schrieb gelegentlich des Spinoza-Streites (am 16. Jan. 1785) an Jacobi23): „Die Wahrheit zu sagen, sehe ich den Philosophen mit Mitleiden an, der erst von mir einen Beweis fordert, daß er einen Körper hat und daß es eine materielle Welt giebt." Dieser Satz ist auch gegen Mendelssohns „vernünftige Spekulationen" in „Jerusalem" gerichtet. Hamann argwöhnt (ebenso seine Freunde Jacobi, Herder, Goethe) hinter der humanen Aufgeklärtheit Mendelssohns müsse noch eine ganz besonders raffinierte Rabulistik und „echt hebräische Pfiffigkeit" stecken, anders ließe sich seine unentwegte Verteidigung des Judentums verbunden mit seiner Forderung der strengen minutiösen 216