Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 3)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwangcr. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels sogar philosophisch begründet. Was man sich von einem Juden zu versehen hatte, war in den Jahrhunderten starres, schlechthin unlösliches praelogisches und praekausales Vorstellungsgut geworden, auch bei den größten, gutwilligsten Zeitgenossen11). Die während dritthalb Jahrtausende ungebrochene geistige Voraussetzung zu diesem Bild in der abendländischen Welt, der alte Glaube an die eine christlich-kirchliche Kulturgesellschaft, außerhalb derer es kein menschenwürdiges Dasein gibt, war viel zu kurz vor der hier behandelten Zeit, eigentlich erst seit Spinoza, kritisch angetastet worden, als daß eine andere Spiegelung oder gar eine gegenseitige Verständigung möglich gewesen wäre. In der christlichen universalen Seinshierarchie hatte der Jude wie jedes Schöpfungsding einen fest umrissenen Platz. Nur so ist zunächst das Bild zu erklären, das sich im Kopfe Hamanns von Mendelssohn malt12). Eine Betrachtung dieses Gegensatzpaares von dem Mißverstehen der „Sokratischen Denkwürdigkeiten" in den Literaturbriefen13) an, bis 25 Jahre später Hamann dem staatskirchenrechtlichen Traktat „Jerusalem" über die Duldung und Gleichberechtigung der Juden gegen die Absolutheit des Christentums, seine eigenen Glaubensartikel „Golgatha und Scheblimini" über die Einzigartigkeit des altlutherischen Glaubens entgegenspritzte, eine solche Betrachtung führt weit über die literarhistorische Einsicht in eine geistesgeschichtlich entscheidende Epoche hinaus, mitten in das Zentralproblem der Auseinandersetzung und gegenseitigen Abstoßung elementarer, polar entgegengesetzter geistiger Typen und Verhaltungsweisen gegenüber dem Religiösen. „Unser öffentlicher sowol als Privatcharakter zeigt angeborene Gramschaft" schreibt Mendelssohn 1762 an Hamann14). Man kann, ohne sich auf triebpsychoiogische Pfade locken zu lassen, die Andersgeartetheit der Grundstruktur der zwei geistigen Gestalten in Folgendem sehen: Hamann ist zunächst schon in der äußeren Form seiner Werke Fragmentist wie sein Zeitgenosse Justus Moser, sein literarisches Schaffen ist aphoristisch; „körnjeht, aber etwas dunkel" empfindet Mendelssohn die „Somatischen Denkwürdigkeiten"15). Hamann will keine Frage systematisch lösen, er gibt keine Formeln, sondern zerstreute Andeutungen; seine Prägungen kann man als vollsaftigen Naturalismus und urwüchsigen Wirklichkeitsdrang bezeichnen 16). „Nur keine leeren, abgezogenen Begriffe, die scheue ich wie stille tiefe Wasser"17). Der jüdische Philosoph dagegen wägt und dreht jedes Wort, jeden Satz dreimal, bis er in den langsamen, vorsichtigen, lehrhaften Vortrag paßt. Jeder Gedanke gehört zu einem spekulativ gewonnenen vollständig ausgearbeiteten Urteil mit einem bestimmt gehaltenen, ruhigen und festen Tenor, von weitläufigen Gründen unterbaut. Der Stil ist auch im Fall Hamann und Mendelssohn der Mensch selber. Der Hauptunterschied liegt indes in den Grundlinien der Ideen! In der Aesthetik hebt Hamann ganz bewußt das Genie, das Originale, Ursprüngliche, Schöpferische heraus aus den Regeln und Gesetzen, die nur Krücken für die Lahmen seien18). Die steife äußerliche abstrakte Bindung „des Schönen" an die Begriffe Vollkommenheit und Zweckmäßigkeit, die 215