Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 2)
- Language
- German
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Ludwig Feuchiwanger. Das Bild Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels neben denen von Abbt und Garve kaum aufgefallen5). Aber Köster geht doch eiskalt und ahnungslos an der geistigen Gestalt vorüber, wenn er von M. nur zu sagen weiß: „Seine größte Tugend war die Vorsicht . . . Man stellt zu hohe Ansprüche an ihn, wenn man ihn als Philosophen an anderen großen Denkern mißt . . . Die ganze Unregsamkeit der Popularphilosophie zeigte sich, als Rousseaus „Heloise" erschien und der arme Mendelssohn nun diese seelischen Vorgänge gefühlsmäßig miterleben sollte. Das ging über den Horizont der ganzen Trivialaufklärung und ihres neuen Sokrates hinaus" 6). Gegenüber einer solchen allerneuesten, hinter dem Hergebrachten vielleicht noch zurückbleibenden „Wesensschau" bieten zwei zwar vorläufige, aber bis an die Wurzeln vorstoßende Skizzen die sichere Gewähr, daß wir eine bleibende Vertiefung unseres Mendelssohnbildes erwarten dürfen: Fritz Bambergers Vortrag bei der Jahresversammlung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" im Jahre 1928 über „Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns"7) und der Beitrag Ernst Cassirers zu der letzten Festschrift der Akademie für die Wissenschaft des Judentums8) über „Die Idee der Religion bei Lessing und Mendelssohn". Bamberger und Cassirer beteiligten sich nicht mehr an der wohlwollenden mehr oder minder temperierten beifälligen Betrachtung eines merkwürdigen Lebenslaufes, sondern suchen das eigentliche „Verständnis" von Gehalt und Gestalt dieses edlen zerbrechlichen Gefäßes. Ein neuer wissenschaftlicher Beitrag zu dem Verständnis der „Struktur" und „Gestalt" Mendelssohns soll hier aus dem Mißverständnis einiger Zeitgenossen des 18. und beginnenden IQ. Jahrhunderts versucht werden. Es ist nämlich exakt nachzuweisen, daß vor der kuriosen Naturerscheinung des in deutscher Sprache vernünftig philosophierenden und schreibenden Juden aus dem Stamme einer mythologischen und eigentlich nur theologisch in seiner Nochexistenz erklärbaren Spezies Mensch, daß über dem Anblick dieses Schauspiels auch die Besten der Zeit weder zu einem Sinn-, noch zu einem Sach-, oder gar zu einem Seel- oder Motivationsverstehen9) des Komplexes „Moses Mendelssohn" vordrangen; sie sahen sich vielmehr ziemlich ratlos vor einer verwirrenden Doppelgestalt, vor der alten Judenfigur, die von jeher gleichsam zur deutschen, europäischen Landschaft, zum Stadtbild gehörte wie die Koppe vor dem Weichbild, der Dom, der Brunnen: für Besinnlichere ein von der geistigen und körperlichen Umwelt grell abstechendes unheimliches Geschöpf, ein Warnungszeichen in der natürlichen und göttlichen Weltordnung. Jeder Zusammenhang dieses geächteten Volkes mit dem Volk der Bibel war durch die Lehre von der Christenheit als dem „wahren Israel" aus dem Bewußtsein ausgestrichen. „Ein zu pfiffiger Hebräer, als daß ein ehrlicher Christ mit ihm auskäme"10), so urteilt selbst Herder summarisch über Mendelssohn. Auf der anderen Seite rätselhafterweise ein Gleichgesinnter, in manchem vorbildlicher Denker und Kunstrichter! „Der hätte den Göttlichen nimmer gekreuzigt!" Das Jüdische war zudem auch in seinem Schaffen betont, in „Jerusalem" 214