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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 211

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 3
Article
Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert
Date
1929-01-01
Page
Seite 211 (sequence 11)
Language
German
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Max Wiener. Moses Mendelssohn unä die religiösen Gestaltunsen des Judentums im 19. Jahrhundert Religionsgesetzes, was ihn von mehr oder weniger antinomistisch gerichteten Bestrebungen so weit zu entfernen scheint. Denn in welchem Gefühl wurzelte schließlich zu tiefst seine persönliche Frömmigkeit? Wenn er dem Judentum den Sinn als geoffenbarter Glaubenslehre absprach, so geschah es nicht darum, weil er im Komplex des jüdischen Bewußtseins das, was er als den Kern des Gottesglaubens erfühlte, nicht antraf, sondern weil er in seiner Nation die treue Sachwalterin und Bewahrerin dessen erblickte, was allein und zu allen Zeiten nottut: die Besinnung der reinen Vernunft auf die ewigen Wahrheiten über Gott, die menschliche Seele und das Schicksal des Menschen unter der Waltung der göttlichen Vorsehung. Was verstand er unter Dogma? Offenbar nicht bloß die unter bestimmte und unbedingt geltende kirchliche Autorität gestellte Formulierung, sondern überhaupt jeden theoretischen lehrmäßig aufgezogenen Glaubensinhalt. Nun war es doch eine höchst merkwürdige Blindheit, wenn der Glaube an die Göttlichkeit der Tora, die inspirierte Prophetie, den Messias, die Auferstehung — zugegeben selbst, daß diesen Dingen die dogmatische Formulierung fehlte — keinen lehrgehaltmäßigen Charakter tragen sollte, der üinen ihre eigentümlich jüdische Färbung gab. Wenn Mendelssohn das nicht sah oder sehen wollte, so ist das schließlich darin motiviert, daß seine eigenste Frömmigkeit, seine innige religiöse Inbrunst, enthusiastischer Hingebung an den Glauben der Vernunft entsprang. Die Vereinbarkeit des Judentums mit dieser Vernunft, ja ihre Einheit mit solcher reinen Erkenntnis, die Freiheit von allen trübenden irrationalen Bestandstücken, das ist ihm das geistige Wesen der Väterreligion und offenkundig das Erbe, welches ihm Gemüt und Verstand an die Lehre der Ahnen fesselt. Er ist orthodox im modernen Sinn, indem er die Verbindlichkeit des ganzen Gesetzes als unverbrüchlich hinstellt. Das ist die alte eingewurzelte Selbstverständlichkeit des national-religiösen Lebenssystems, dem er sich als Sohn der Gemeinde Jakobs Untertan weiß. Seine persönliche Gläubigkeit aber, der Schwung seines gottinnigen Empfindens, fließt aus der anderen Quelle, aus dem Denken der Vernunftwahrheiten. So möchte man in der Reihe der Werte, die das jüdische Bewußtsein enthält, diese an die erste Stelle setzen. Seine Ideen der Toleranz und Humanität kommen von demselben Vernunftuniversalismus her, der ihn alle Bekehrung von einer Religion zu einer anderen verabscheuen ließ. Sofern dies alles bei ihm im Vordergrund steht, hat er jene Wertung klar und sicher vorweggenommen, mit dem der Liberalismus des 19. Jahrhunderts das Judentum erfaßt. Wohl ist dessen Stellung zum Gesetz, anders wie bei Mendelssohn, vielspältig. Aber der Enthusiasmus der Gewißheit, daß das Judentum die ethische Vernunftreligion sei, was doch die eigentliche Kraft und der Sinn des neuen Glaubens ist, das wird von jenem vorausgefühlt und mit ganz ähnlichem Pathos verkündet. Hierin besteht völlige Einmütigkeit, ob es sich um die großen systematischen Versuche bis auf Hermann Cohen hin, ob es sich um 211

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