Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2259275-2259276-2259280-2260012--2604-2260072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Wiener. Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im IQ. Jahrhundert sophen: das, was dem menschlichen Bewußtsein von himmlischen Dingen überhaupt zugänglich ist, ist einfach wie sein Gegenstand, Gott. Die Lehre aber von den Menschen und den menschlichen Dingen ist mannigfach und beziehungsreich wie das Leben10). Hirsch führt diese Sätze im Zusammenhange pädagogischer Erwägungen an, die ihm zum Zwecke der Vertiefung in konkretes jüdisches Leben, ja zur bloßen Möglichkeit eines solchen Lebens, eine eingehende Beschäftigung mit der hebräischen Sprache und der jüdischen „Nationalliteratur" für jeden Juden zur unabweisbaren Notwendigkeit machen. Jedenfalls aber handelt es sich bei beiden darum, mit den gleichen Mitteln eine greifbare feste jüdische Wirklichkeit zu sichern, die da wie dort nicht durch die Besonderheit theologischer Lehren oder eigentümlicher Weltanschauung geschaffen werden kann. Hier entspringt die Quelle dafür, daß die gesetzestreue Richtung bei grundsätzlicher Gegnerschaft gegen den das Judentum säkularisierenden Nationalismus sich mit diesem im allgemeinen weit besser abfinden kann als die alte liberale Reformbewegung. Denn, mag es das Leben unter dem Gesetz, mag es das Ringen um eine volle nationale Kultur sein, in jedem Falle ist die Absicht darauf gerichtet, die Besonderheit jüdischen Menschentums zu wahren und zu sichern. Hirsch möchte die Bezeichnungen „Religion" für die Gesamtheit der legitimen jüdischen Belange überhaupt vermieden wissen; was im genauen Verstände gemeint werde, sei vielmehr Tora, deren Erfüllung Tatverwirklichung gemäß dem unzweifelhaften Willen Gottes im ganzen Leben bedeute. Er empfindet — ob mit Recht oder mit Unrecht — «Religion" als ein isoliertes Gebiet im Ganzen des menschlichen Seins, dessen emphatisch behauptete Innerlichkeit als bloße Idee oder als vages seelisches Erleben sich vor tatverlangender Realität zu leicht in ein pures Nichts verflüchtigt11). Das ist gewiß echt jüdisch im biblisch-rabbinischen Geiste gedacht. Wir erkennen aber auch leicht, wie hier in die jüdische Gesinnung Stimmungen der Aufklärungsfrömmigkeit hineinfließen, von der Art etwa, wie sie der Ausspruch in Lessings „Nathan" enthält, um wie viel leichter andächtig schwärmen als gut handeln ist. Daß der letzte Sinn des Religiösen, der Tora, des Gesetzes in keinem anderen Werte aufgipfele wie in dem der Versittlichung Israels und durch diese — je nach dem Grade universalistischen Denkens der Menschheit überhaupt, das ist Gemeingut aller religiösen Richtungen im modernen Judentum. Sie setzen durchweg das Religiöse mit dem Sittlichen eins oder betrachten es als den unfehlbaren und allein nicht irrenden Weg zum sittlichen Ziele. Durch diesen ethischen Rationalismus, der im Judentum immer keimte, wird Mendelssohn, in welchem ihn die Aufklärungserfahrung noch verstärkte, aber aucji zum Prototyp des Liberalismus. Und zwar trotz des von ihm als Kern und Eigenart des Judentums festgehaltenen 10) ebd. II, 434. 11) a. a. O. I, 83. 210