Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Dem Andenken Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 13)
- Language
- German
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Reden bei der Mendelssohn-Feier in Dessau bleiben, wo man Denk- und Gewissensfreiheit als ein unerläßliches und unverletzliches Besitztum des Kulturmenschen anerkennt. Mendelssohns Persönlichkeit und Mendelssohns Werke wurden eine Apologie des Judentums und waren wirksamer als alle Traktate. Auf seine Tugend beriefen sich die Männer, die Bürgerrechte für die Juden forderten. Der Einwurf, daß die Juden dem Gemeinwohl fernstanden oder gar schädlich wären, erschien abgeschmackt gegenüber den Verdiensten dieses von der allgemeinen Verehrung getragenen Mannes. Und wo er das Wort nahm, hat er die Verteidigung des Judentums aus den Niederungen des mittelalterlichen scholastischen Gezänks über Bibelverse und Talmudstellen auf die Höhe der sachlichen Auseinandersetzung, der geschichtlichen Begründung erhoben, hat er mit seinen Argumenten eindrucksvoll die Unhaltbarkeit der Zustände bewiesen, in der Sache der Juden die allgemeine Sache der Toleranz und bürgerlichen Freiheit vertreten. Ohne eine amtliche Stellung innezuhaben, wurde Mendelssohn der Retter, zu dem die Juden von nah und fern in der Not ihre Zuflucht nahmen. Die elsässische Judenheit wandte sich mit ihren Beschwerden an Mendelssohn, obwohl er in einem ganz anderen Staate lebte, weil sie voraussetzte, daß sein Einfluß bis an die Pariser Amtsstellen reichte. Sie wußte nicht, unter wieviel Qualen und Erniedrigungen er selbst um sein Wohnrecht hatte ringen müssen, daß auch er an jedem Schlagbaum wie das Vieh den Leibzoll entrichten mußte. Sie lebte in einem Irrtum, aber die Hoffnung der Elsässer wurde nicht enttäuscht. Ihre Fürbitte wurde der Anlaß zu der bahnbrechenden Schrift des Kriegsrats Christian Wilhelm v. Dohm „über die bürgerliche Verbesserung der Juden". Graf Mirabeau, der kurz nach dem Tode des Philosophen in Berlin eintraf, wurde durch seinen Nachruhm derart überwältigt, daß er seine Landsleute mit dieser verehrungswürdigen Persönlichkeit bekannt machte, daß er an ihre Charakteristik die Forderung der Gleichberechtigung der Juden anschloß und zuletzt auch durchsetzte — eine Umwälzung nicht für Frankreich, sondern für die ganze Welt. Aber Mendelssohn wartete schließlich nicht, bis man ihn rief. Er fühlte die Verantwortung für seine Glaubensgenossen, trat aus seiner Beschaulichkeit heraus, war bestrebt, nicht nur für sie, sondern auch a u f sie zu wirken. Als Vertreter der Aufklärung in erster Reihe durch Erziehung und Unterricht, worin man damals die Grundlagen für jede moralische Verbesserung sah. Für die Reichen brauchte er nicht zu sorgen, die wußten ihre Hauslehrer zu finden, ließen freilich bei aller Bildung an Erziehung und Kultur viel zu wünschen übrig. Aber für die Kinder der Armen veranlaßte er seine Freunde, die Berliner „Freyschule" zu gründen — die erste ihrer Art, das Vorbild zahlreicher gleichartiger Einrichtungen in Deutschland und in anderen Ländern — der Hebel zur Umgestaltung des jüdischen Bildungswesens überhaupt, die Grundlage für die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Einbürgerung der Juden. Ausgangspunkt jedes wertvollen Unterrichts ist die Sprache, und so war Mendelssohn bemüht, den Juden eine Sprache, man kann sogar 189