Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Dem Andenken Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Reden bei der Mendelssohn-Feier in Dessau Mendelssohn war als Sonne am jüdischen Himmel erkannt, die leuchtete; es mußte sich erweisen, ob sie auch wärmte und Leben erzeugte. Kein denkender Mensch bleibt da stehen, wo der Zufall der Geburt ihn hingeworfen hat; auch für Moses Mendelssohn, der in der beglückenden Ueberzeugung lebte, daß die von ihm als wahr erkannte Religion der Vernunft dasselbe lehrte wie das Judentum, erwuchsen Konflikte und Spannungen. Der Weltweise sah sich vor die Doppelfrage gestellt, warum er, der freie vorurteilslose Denker, überhaupt an einer geschichtlich bedingten Form der Religion festhielt und warum er gerade das Judentum bevorzugte —, das seine philosophischen Gesinnungsgenossen sich voller Vorurteile und Unvernunft dachten. Ja, es erging an ihn die Aufforderung, öffentlich seine Beweise gegen das Christentum vorzulegen oder, wenn er keine hätte, sich freimütig zu ihm zu bekennen. Moses Mendelssohn hat dieser Herausforderung nicht Folge geleistet, er hat, wie der Erbprinz von Braunschweig urteilte, seine Antwort „mit dem Glimpf und Grad der Menschenliebe geschrieben, welche man im voraus zu erwarten hatte von einer von göttlichen Wahrheiten so durchdrungenen Seele", hat bei aller Betonung seiner Bekenntnistreue mit feinem Takt eine Wiederbelebung der Religionsdisputationen abgelehnt und damit eine Wirkung erzielt, die in der Geschichte der Juden neu, ja unerhört war. Während Bekehrungsversuche an einem Juden sonst als rühmenswertes frommes Werk galten, nahm im Falle dieses Juden die ganze gebildete Welt einmütig Stellung an seiner Seite, und verpönte den plumpen Bekehrungseifer. Die jüdische Sache begann hier, eine Sache der allgemeinen Kultur zu werden. An der reinen Seele dieses Juden zerschellte das alte Vorurteil, erwachte die Achtung vor der Persönlichkeit, die Ehrfurcht vor dem Gewissen — auch wenn der Angegriffene ein Jude war. Mendelssohn hat dieses Vertrauen vergolten durch sein entschiedenes Eintreten für die Freiheit des Gewissens. Sein „Jerusalem" hat, wie bereits gesagt wurde, die Unverträglichkeit der Einmischung des Staates in Fragen der Religiosität und der inneren Ueberzeugung mit solcher Mannhaftigkeit abgewehrt, daß ein Denker wie Kant ihm die höchste Bewunderung aussprach: „Ich halte dieses Buch für die Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr garnicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann. Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und so hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unsererseits darauf wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigen und drücken kann, von der ihrigen absondern, welches endlich die Menschen in Ansehung der wesentlichen Religionspunkte vereinigen muß; denn alle das Gewissen belästigende Religionssätze kommen uns von der Geschichte, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht." Der Name Moses Mendelssohn sollte unvergessen 188